Ach ja, Avengers: Endgame. Was kann man dazu noch schreiben, was nicht schon geschrieben wurde? Ich fand den gut – aber irgendwie auch falsch. Warum? Schauen wir doch mal… Übrigens: Spoilers ahead!

Toll, wirklich toll. Eine runde, schöne Sache. An einer Stelle kriegt mich Avengers: Endgame ja ganz besonders, nämlich am Schluss. Wie sanft und leise da die Kamera auf dieses altmodische Liebespaar zufährt, keine Dialoge, nur ein alter Song, die letzte Großaufnahme – das ist nicht Kitsch, sondern ganz großes Kino. Hier schließt sich ein Kreis, der 2011 mit dem ersten Captain America-Film aufgemacht und über die Folgefilme sowie die Agent Carter-Serie immer mal wieder dezent aufgegriffen wurde. Steve Rogers und seine große Liebe Peggy Carter endlich wieder vereint. Ein Kuss, Abspann, der Song „It’s been a long, long Time“ von Harry James läuft noch ein Stückchen weiter. Schön. Das ist das Kinomärchen, das immer geht. Nicht die ganzen Schlachten, die Welten- und Universen-Rettung, sondern die kleine persönliche und doch hochexistenzielle Geschichte, welches Leben man leben möchte. Natürlich mit Happy End.

Marvel Cinematic Universe Steelbooks
Film-Reihe: 22 Streifen umfasst das Marvel Cinematic Universe. Der erste Film kam mit Iron Man 2008 ins Kino, die Pläne dazu liegen noch ein paar Jährchen weiter zurück. Da kommt für den Steelbook-Sammler im Laufe der Zeit eine Menge Blech zusammen.

Allein für diese Szene lohnt es sich, Infinity War und Endgame „durchzusitzen“. Ein Fünfeinhalb-Stunden-Epos mit Superhelden. Natürlich bietet das filmische Doppel noch einiges mehr. Infinity War ist exzellent gemacht, wenn es darum geht, die eigentlich unbesiegbaren Helden verletztlich erscheinen zu lassen, einen differenziert gezeichneten Bösewicht zu präsentieren, der genauso gefährlich wie verständlich handelt, und die großen Schauwerte mit kleinen Charakter-Momenten zusammenzubringen. Die Helden kämpfen, scheitern, werden menschlich. Und das alles endet mit einem Knall, der so groß ist, dass jegliche Fortführung der Geschichte eigentlich nur enttäuschen kann.

In Endgame schließlich entscheiden sich Autoren wie Regisseure für eine im Grunde sehr billige Lösung: eine Zeitreise. Gab es im Kino schon oft. Ist ja auch zu verlockend, einfach das Rad der Zeit zurückzudrehen und Geschehenes ungeschehen zu machen.

Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, dass sich Endgame lobenswerterweise die Mühe macht, das Thema Zeitreise ein bisschen zu variieren. Ob das im Film nun logisch erklärt ist oder auch nicht. Endgame konzentriert sich aber nicht allein auf eben jenen „Time Heist“, also die Mission, die Infinity-Steine zu bekommen und das Universum zu retten. Der Film soll zugleich ein vorläufiger Schlusspunkt für alle bisherigen Marvel-Filme sein. Oder in Fan-Sprech: Er beschließt den Infinity-Zyklus im Marvel Cinematic Universe, kurz: MCU. Und daraus ergibt sich – zumindest für mich – ein ganz besonderes Zeitreise-Paradoxon: Endgame ist wunderbare Unterhaltung, emotional und optisch packend, sehr gut gelungen. Und doch fühlt er sich schlicht falsch an. Woran mag das liegen? Vielleicht liegt das an drei Perspektiven, die in diesem Film zusammenkommen.

1. Die Zurück in die Zukunft-Perspektive

Die Zurück in die Zukunft-Perspektive – damit meine ich nicht die unterschiedlichen Zeitreise-Mechaniken in beiden Filmen. Endgame stellt seine eigenen Regeln auf und erklärt an einer Stelle rundheraus: „Zurück in die Zukunft ist Bullshit“. Nein, mir geht es eher um die Zeitreise-Dramaturgie, die in Endgame und Zurück in die Zukunft II recht ähnlich ausfällt. Komme ich zuerst mal auf Marty McFly: Der muss etwas in der Vergangenheit stehlen, was die Zukunft verändern kann, keine Infinity-Steine, sondern den berühmt-berüchtigten Sport-Almanach. Um diesen von Biff zu bekommen, reist er noch einmal in das Jahr 1955, also genau in das Jahr, in dem er im ersten Teil schon gewesen ist. Und wie es die Drehbuchschreiber beschlossen haben, erlebt er dabei noch einmal die Ereignisse, die er – und der geneigte Zuschauer – bereits kennt, insbesondere die Nacht des Abschlussballs und das Gerangel um seine Eltern.

Er sieht das alles aus einer neuen Perspektive und mit dem Wissen, was als nächstes geschehen wird. Das ist für den Zuschauer so reizvoll wie faszinierend: Er kennt bereits die Handlung und weiß, wann sich Martys Vater mit Biff schlagen wird, wann Marty seinen legendären Auftritt haben und beim Gitarren-Solo von „Johnny B. Goode“ abdrehen wird. Gleichzeitig erlebt er eine zweite, höhere Handlungsebene, die in den Vordergrund tritt und den ersten Teil zur Kulisse werden lässt. In Endgame geschieht genau das Gleiche, wenn die Helden in Zeiten und an Orte zurückreisen, die bereits aus den bisherigen Filmen bekannt sind. Das ist schon weitestgehend liebevoll gemacht und hat auch seinen Reiz.

Der Unterschied zwischen Zurück in die Zukunft und Endgame ist nur: Martys zweite Reise ins Jahr 1955 wirkt etwas zwingender als die vielen Abstecher der Helden in Endgame. Marty hat genau eine Mission, nämlich den Sport-Almanach. Insofern scheint seine Anwesenheit an genau diesem Ort zu dieser Zeit plausibel, auch wenn der zweite Film noch mal ein Best-of des ersten Films präsentiert. Zugleich ist er aber auch nur eine Zwischen-Etappe auf dem Weg zum dritten Film. Im Fall von Endgame wird diese Situation multipliziert, was mich zum Fanservice und zum eigentlichen Knackpunkt bringt.

2. Die Fanservice-Perspektive

Je länger das Zeitreise-Kapitel in Endgame dauert, desto durchschaubarer wird es – als „Gesichterparade“. Wie gesagt: Endgame ist der Schlusspunkt in einem Zyklus, ein vorläufiges Ende aus 11 Jahren MCU, das mit dem Film Iron Man seinen Anfang genommen hatte. Nun reisen die Helden noch mal zurück in die Zeit und erleben einige Highlights der bisherigen Marvel-Kinogeschichte. Darunter die Schlacht um New York, die einen damals in den Kinosessel gedrückt hat, inklusive des ikonischen Hero-Shot mit der 360-Grad-Wende. Oder Chris Pratts Gute-Laune-Auftritt im ersten Guardians of the Galaxy zum Song „Come and get your Love“ von Redbone. Oder der letzte Auftritt von Rene Russo als Thors Mutter Frigga kurz vor ihrem Ableben. Oder oder oder.

Es wird also deutlich: Es geht in diesem Passus weniger darum, eine Geschichte zu erzählen, denn dass die Guten in irgendeiner Form gewinnen werden, daran herrscht kein Zweifel. Absicht ist eher, allen bekannten Charakteren noch mal ihren kleinen Moment zu gönnen. Quasi wie eine Farewell-Tour.

Marvel Steelbooks
Ne Menge zu schauen: Die Kinokarte auf dem Stapel markiert den vorläufigen Endpunkt für das Marvel Cinematic Universe. Hintergrund bildet eine Menge Filmfutter – und dabei sind die MCU-Fernsehserien hier noch nicht mal aufgehäuft.

Das ist natürlich hochmanipulativ. Denn das Zeitreise-Sightseeing gibt ausreichend Gelegenheit, dass so mancher Held noch mal seinen Frieden machen kann mit seinen Dämonen. Bestes Beispiel ist da vielleicht das hübsche Aufeinandertreffen von Tony und Howard Stark im Jahr 1970. Das ist toll geschrieben, es packt emotional, Vater und Sohn Arm in Arm. Wer könnte da hart bleiben? Muss man auch nicht, denn Kino ist letztlich auch Eskapismus, Flucht aus dem kalten Alltag. Da lässt man sich gerne ins Fantasiereich entführen. Doch: Ein Film sollte nicht nur innerhalb seiner zwei, drei Stunden Laufzeit funktionieren, sondern idealerweise auch dann noch, wenn der Zuschauer bereits ein paar Stunden aus dem Lichtspiel-Saal raus ist und über das Gesehene nachdenkt. Sofern er darüber nachdenkt. Und da verrät sich Endgame sehr schnell: Das alles mag zu Herzen gehen, es fühlt sich aber trotzdem irgendwie „falsch“ an.

Insofern ist Endgame extrem selbstreferenziell. So wie das auch schon Disneys Star Wars-Reinkarnation Das Erwachen der Macht war. Das hat mit „organischem“ Geschichtenerzählen nur noch wenig zu tun, denn würde man die bereits bekannten Elemente der Story entfernen, bliebe im Grunde nichts mehr übrig. Der Film betritt da quasi eine Meta-Ebene, auf der er sich selbst zum Thema macht und nicht seine Geschichte. Das ist auch wohl der wesentliche Unterschied zwischen Infinity War und Endgame: Der Erste erzählt ganz einfach von seinen Charakteren und der Bedrohung. Der Zweite reiht lediglich eine Episode an die nächste.

3. Die Herr der Ringe-Perspektive

Avengers 4 ist nicht Avengers 1. Er ist auch nicht Iron Man. Und erst recht nicht Ant-Man. Klar, was soll’s? Nein, was ich meine: Iron Man zum Beispiel war eine knackige Geschichte von einem Typen, der sich einen Eisenmann-Anzug baut und sich dabei vom – Pardon! – Arschloch zum beinahe netten Typen wandelt. Ein Actionfilm mit Sci-Fi-Anteilen. Auf den Punkt erzählt, ohne groß nach links oder rechts zu schauen. Avengers 4 dagegen ist ein Epos im modernen Sinne. Ein Zusammentreffen von Göttern und Beinahe-Göttern, ausschweifend erzählt, da geht es ums große Ganze, das Wohl und Wehe von Welten und Universen. Schicksalhafte Entscheidungen vor großer Kulisse. Auch wenn es zahlreiche Charaktermomente hat, am Ende wartet die epochale Schlacht.

Infinity War und vor allem Endgame bedienen sich in einigen Punkten bei den großen Epen, genauer: bei einem der jüngeren großen Kino-Epen. Da winkt an einigen Stellen mal kurz der Herr der Ringe rüber. Nehmen wir Vormir, wo der Seelenstein darauf wartet, dass man einen geliebten Menschen abmurkst. Wenn ich mir da das Design und die Architektur anschaue und die allgemeine Atmosphäre, dann könnten diesen Sequenzen genauso gut auf dem Schicksalsberg spielen, wo Frodo und Sam damit hadern, den Einen Ring in die Lava zu werfen oder eben nicht. Oder irgendwo in Mordor, wo das brennende Auge Saurons alles und jeden genau im Blick hat.

Thanos und Argonath
Die Argonath und der Titan: Thanos auf seinem Steelbook-Cover wird hier natürlich nur zum Spaß von den Säulen der Könige aus dem Herrn der Ringe eingerahmt. Gefühlsmäßig erinnern Infinity War und Endgame aber an das große Vorzeige-Epos.

Dann wäre da noch die große finale Schlacht: Captain America liefert sich ein krachiges Duell mit Thanos und blickt dabei heldenhaft dem sicheren Tod ins Auge. Am Ende steht der gebrochene Strahlemann allein auf weiter Flur einer riesigen Armee gegenüber. Eine Einstellung, die sagt: Jetzt geht es unseren Helden an den Kragen. Und dann, im allerletzten Moment… kommt König Theoden mit den Reitern von Rohan dazu und wendet die Schlacht. Ach ne, das waren Aragorn, Legolas und Gimli mit der Geisterarmee der Eidbrecher. Oder doch Doctor Strange mit dem Rest der Superhelden-Bande und einem Heer von Buschkriegern obendrauf? Nicht falsch verstehen: Diese Rettung in letzter Sekunde funktionierte bei der Rückkehr des Königs genauso wie beim großen Endspiel. Der Kinozuschauer mag da in seinem Sessel aufspringen und jubeln. Das kann man einem Film ja nicht ernsthaft ankreiden, wenn er solch eine Wirkung hervorruft.

Aber ein bisschen durchschaubar ist es schon, oder? Insofern muss ich vom Ende nach dem Ende nach dem Ende wohl gar nicht mehr anfangen. Also dass unsere (Super-)Helden am Schluss von Endgame mindestens so oft Abschied nehmen und sich in den Armen liegen, wie das auch die Ring-Gefährten in Minas Tirith und später bei den Grauen Anfuhrten tun.

Toll, toll, toll

Man ist ja heutzutage schon ein bisschen verwöhnt. Oder zumindest schon ein bisschen erwachsen, leider. Da fackelt Marvel im Kino ein Feuerwerk ab, das in den 80ern oder 90ern noch jeden Fan hätte jubilieren lassen. Und ich selbst finde, dass es sich irgendwie falsch anfühlt. Ist es nur der Hype, der mich nervt? Vielleicht auch ein bisschen, aber dann hätte ich die vorherigen 21 Marvel-Filme ja auch nicht sehen müssen. Ne, es ist schon ein bisschen mehr. Würden mich die Filme nicht begeistern, würde ich vermutlich aus dem Kino gehen und nicht weiter darüber nachdenken, sondern eine Pizza ordern.

Man muss auch bedenken, dass Endgame ein großes abschließendes Epos sein will. Und angesichts dieser Prämisse ist die Superhelden-Nummernrevue schon ziemlich geschickt zusammengesetzt. Aber eben auch nur das. Jetzt bin ich gespannt, wie es im Kino für Marvel weitergehen wird, immerhin steht ein neuer Zyklus an. Doch nach dem ganzen Overkill habe ich auch Lust bekommen, mal wieder den staubig-bodenständigen Logan zu sehen. Und ironischerweise lief im Kino vor Endgame ein Trailer zu The Joker von Todd Phillips – im schmierig-bodenständigen Taxi Driver-Look.

In Kürze: Avengers: Endgame zieht als Superhelden-Epos alle Register, die ein Superhelden-Epos nur ziehen kann. Da wird gekämpft, gelitten, geopfert, jubiliert vor überlebensgroßer Kulisse. Gleichzeitig dürfen die bekannten Helden noch mal die besten Momente aus 11 Jahren Marvel Cinematic Universe aufleben lassen. Das macht den Film aber durchschaubar: Endgame ist weniger organisch erzählte Geschichte als vielmehr geschickt montierte Nummernrevue.
Bewertung: 7 / 10 (zum Vergleich Avengers: Infinity War 9 / 10)

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