Young Adult-Stoffe sind der letzte Schrei. Fast jährlich kommen neue Abenteuer junger Erwachsener in die Buchläden und die Kinosäle. Nicht selten sind diese Geschichten gleich auf mehrere Teile ausgelegt, und ein gewisses finanzielles Kalkül ist nicht zu verleugnen. Umso erfrischender, wenn solch ein Buch mal ganz eigenständig und in sich abgeschlossen daherkommt – wohlwissend, dass später doch noch Fortsetzungen folgen.

Fahrende Städte, wer kennt das nicht?

Mortal Engines ist also dieser Stoff, der in seinem ersten Teil überraschend eigenständig rüberkommt, seine erste Geschichte abschließt und auch nicht davor zurückschreckt, Figuren und Schauplätze zu eliminieren. Oft leiden Bücher und Filme, die von Anfang an als Mehrteiler konzipiert wurden, daran, dass ihnen der Mut und/oder die Ideen fehlen, bereits zum Auftakt ein Story-Feuerwerk abzufackeln. Charaktere werden künstlich am Leben und große Ideen zurückgehalten – denn wer weiß, was man in der Fortsetzung noch braucht. Diese Figur könnte noch jenes anstellen und diese Idee wäre im Finale von Band 7 doch viel besser aufgehoben… In vielen anderen Werken merkt man, dass solche Überlegungen einer vernünftigen Erzählung im Wege stehen. Da ist Mortal Engines eine gelungene Abwechslung. Auch mit Blick aufs Setting…

Damit fing es an: Der erste Mortal Engines-Roman von Philip Reeve fand schnell seine Fans und überzeugt mit einer fantasievollen Welt und einer flotten Erzählung.
Worldbuilding – Da ist Vorstellungskraft gefragt

Der Autor Philip Reeve schuf eine Welt, die auf den ersten Blick schwer zu schlucken ist. Gewaltige Städte auf Rädern und Ketten. Luftschiffe, die sich erbitterte Gefechte liefern. Killerroboter die unaufhaltsam ihr Ziel verfolgen. Und eine Rachemission, die tief in der Vergangenheit der Figuren verankert ist. Alles in einem Buch. Alles zu Ende erzählt.
Klingt erst mal gewöhnungsbedürftig. So verlangt das Buch der Vorstellungskraft des Lesers schon einiges ab: Ich würde von mir behaupten, dass ich sehr viel Fantasie habe, aber ich muss auch zugeben, dass ich gerade am Anfang Schwierigkeiten hatte, mir das alles vorzustellen, was Reeve in seinem Buch niedergeschrieben hatte.

Fahrende Städte? Klingt blöd, wie soll so etwas aussehen? Auch der Steampunk-Aspekt war weit über dem Üblichen, welches das Mainstream-Publikum sonst so vorgesetzt bekommt. Wer kein Faible für diese Art der Fantasy und Science-Fiction-Literatur hat, sollte sich lieber ein anderes Buch suchen. Der wird hier keinesfalls glücklich.

Hester Shaw. Die weibliche Heldin der Geschichte ist im Buch entstellt. Im Film begrenzte man dies auf eine Narbe im Gesicht. Ok, hier auf dem Foto sieht sie auch nicht ganz original aus…

Mit Voranschreiten des Buchs – und mit Hilfe der Sekundärliteratur (dazu gleich mehr) – wurde beides aber leichter verdaulich, und ich konnte abtauchen in diese spannende Welt, die zwar genüsslich in der Popkultur wildert – wer beim Finale nicht an Star Wars denkt, der merkt auch sonst nichts – aber durchaus konsequent und flott erzählt ist.

Hilfestellung – Ein Reiseführer durch die fremde Welt

Zur Roman-Reihe gibt es eine Art illustriertes Kompendium. Hintergründe der Welt, der Städte und deren Bewohner werden beschrieben. Zahlreiche Zeichnungen und Skizzen eben jener Elemente, die diese Welt so einzigartig machen, machen anschaulich, was man sich sonst nur vorstellt. Selbst beim Durchblättern nebenbei bekommt man schon einen besseren Eindruck über das Aussehen und den Aufbau der fahrenden Städte. Man kann sich ein Bild machen, welches allein durch den Roman nur lückenhaft geformt wird.

Für alle, die Probleme mit der Vorstellungskraft haben: The Illustrated World of Mortal Engines ist ein schön gestaltetes Begleitbuch mit allerhand Infos und Zeichnungen.

Reeve hat zwar unzählige Beschreibungen der Städte in seinen Text gepackt, aber diese geben immer nur eine Detailansicht, einen Ausschnitt des großen Ganzen wieder. Das Kompendium füllt diese Lücken und vervollständigt den Genuss des Romans. Aber Vorsicht! Es liegt in der Natur der Sache, dass auch hier einige Spoiler enthalten sind. Lesen vor den Romanen auf eigene Gefahr.

Steampunk – Teil 2: Hauptsache Punk…


Gibt es bei Mortal Engines Dampf? Stehen irgendwo in London Dampfmaschinen herum, die irgendetwas Wichtiges antreiben? Die ganze Stadt zum Beispiel? Eher weniger. Auch wenn das Werk reichlich „retro“ rüberkommt, so passt der Begriff Steampunk nicht ganz. Praktisch, dass abgeleitet von der „Urmutter“ Cyberpunk noch ein paar andere Abarten existieren. Die Welt von Mortal Engines ist maschinengetrieben, die reichlich dreckig wirken, so wie alte Panzer im Ersten Weltkrieg. Insofern passt besser die Bezeichnung Dieselpunk. Aber dann gibt es auch Elektrizität, nicht zuletzt in Form der Superwaffe M.E.D.U.S.A. Gefährlich aussehende Gerätschaften, wie sie Nikola Tesla hätte erdenken können (schwer vorstellbar, dass Elon Musk sie mögen würde). Da passt Teslapunk. Also ist Mortal Engines wohl irgendwas dazwischen. Übrigens: Subkulturen werden ja nie müde, sich voneinander abzugrenzen. Insofern gibt es zum Beispiel auch noch Atompunk, Clockpunk, Silkpunk, Raypunk, Nowpunk, Steelpunk, Stonepunk, ja, sogar Elfpunk. Eigentlich genug Futter für einen eigenen Blog…

Ach so sieht das aus: Die Skizzen, Zeichnungen und Infos im Begleitbuch zur Mortal Engines-Reihe füllen gekonnt die Erklärungs-Lücken, die der Roman offen lässt.
Mortal Engines – ein Lesevergnügen

Mortal Engines hatte ich eher aus einer Laune heraus gekauft und gelesen. Normalerweise bin ich nicht die Zielgruppe für solche Stoffe, aber manchmal muss man auch über den Tellerrand schauen. In meinem Fall hat es sich gelohnt und ich wurde positiv überrascht.
Das Schöne an Mortal Engines ist, dass der erste Band für sich steht und man danach einfach aufhören kann, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Und sollte man Gefallen an der Welt gefunden, gibt es noch genug Material, um seinen Hunger nach weiteren Trips in Reeves Universum zu stillen. Seien es die Fortsetzungen oder das Begleitbuch: Es gibt genug zu entdecken und es lohnt sich.

Der Brite Philip Reeve begann seine Karriere als Illustrator, bevor er 2001 sein Erstlingswerk Mortal Engines veröffentlichte. Was folgte, waren Fortsetzungen der Reihe, einige eigenständige Bücher und weitere Serien, die sich erfolgreich verkauften. Neben der Verfilmung des ersten Mortal Engines-Buchs war auch eine Verfilmung zu seiner Larklight-Trilogie in Planung. Um dieses Projekt ist es in jüngster Zeit allerdings sehr ruhig geworden. Der mangelnde Erfolg von Mortal Engines dürfte eher nachteilig sein.

 

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