Wer hätte das gedacht? Ein Film ausgerechnet über Balladen-Barde Elton John. Und sogar einer, der ihn nicht nur zum Idol stilisiert – sondern gleich zum Superhelden… zum Rocketman…

Psst… Ähm… Also mal so am Rande, wir sind ja unter uns: Eigentlich sollte hier eine Filmkritik zu Rocketman folgen. Also zu dem Biopic über Elton John und seine – Pi mal Daumen – ersten zehn bis zwölf Jahre im weltweiten Rampenlicht. Aber ich kürze das mal eben ab: guter Film. Punkt. Das muss reichen*. Warum? Naja, Rocketman war jetzt schon die zweite große Filmbiografie über eine Musik-Legende innerhalb kurzer Zeit. Vor ein paar Monaten hatten wir Bohemian Rhapsody angeschaut, also die Geschichte der Rockband Queen, wobei eigentlich nur ein Bandmitglied im Rampenlicht stand, nämlich Freddie Mercury. Und der wurde da arg idealisiert.

Rocketman Cover
Markenzeichen Sonnenbrille: Rocketman zeichnet die ersten Jahre in der Karriere Elton Johns nach. Der trägt ein emotionales Päckchen mit sich herum und steht auf bunte Verkleidungen – der Vergleich mit einem Superhelden liegt da doch nahe. Oder? Oder?

Nun also Rocketman. Da fange ich also an zu schreiben. Wie Elton John morgens bei Mama am Klavier sitzt und mal eben in zehn Minuten „Your Song“ komponiert. Wie er den guten Rat erhält, ein anderer zu werden, nämlich Elton John. Und wie er scheinbar ohne größere Probleme aufsteigt zum neuen Stern am Pophimmel. Anfangs versuche ich noch, die ganz offensichtlichen dramaturgischen Parallelen zu Bohemian Rhapsody zu ignorieren, denn Rocketman sollte ja für sich alleine stehen können. Eigentlich. Wenn man genau hinschaut, läuft die Geschichte von Reginald Dwight (Elton) in Filmform fast genauso ab wie die von Farrokh Bulsara (Freddie) – nur dass Rocketman nicht ganz so erpicht darauf ist, aus seiner Hauptfigur ein weitgehend skandalfreies Genie zu machen. Elton John, der hier auch produziert, hat also deutlich lockerer durch die Hose geatmet als seine Musiker-Kollegen von Queen…

Der Superheld im Popstar

…und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Liebe Drehbuchautoren, also lieber Anthony McCarten (Bohemian Rhapsody) und lieber Lee Hall (Rocketman), kann es sein, dass ihr ein paar Superheldenfilme zu viel gesehen habt, bevor ihr ans Werk gegangen seid? Und lieber Regisseur, also lieber Dexter Fletcher, der du beide Filme gedreht hast, möchtest du dich vielleicht für einen Ausflug ins Marvel Cinematic Universe empfehlen? – Was ich damit sagen will: Ich hatte bei Rocketman irgendwann in der Rückschau nicht mehr das Gefühl, ein Biopic gesehen zu haben, sondern die Origin-Geschichte eines Superhelden. Das ist vielleicht sogar naheliegend, schließlich muss auch jeder berühmte Rock- und Pop-Star seinen großen Durchbruch haben. Aber irgendwie, ja, irgendwie…

Insofern ist es anstelle einer schnöden Filmkritik vielleicht ganz sinnvoll, Elton Johns Geschichte mal auf die Standards einer ordentlichen Übermensch-Werdung abzuklopfen. Wie muss die Figur eines Superhelden konzipiert sein, um Futter für eine ordentliche Origin zu bieten? Welche Initiation muss er durchlaufen? Welche Superkraft hat er? Und welche Nemesis wird ihm entgegengestellt? Den Superhelden-Namen haben wir ja schon mal: Rocketeer, äh, Rocketman.

Rocketman und Bohemian Rhapsody
Queen oder Elton John? Die Musik der beiden Rock- und Poplegenden unterscheidet sich doch dezent. Trotzdem fällt auf, das die Verfilmungen ihrer Karrieren dramaturgisch ziemlich ähnlich verlaufen? Mag es daran liegen, dass Regisseur Dexter Fletcher beide Filme gedreht hat?
1. Der Background – etwas, das einen berührt:

Jeder Superheld muss seine Fans auf einer emotionalen, rein menschlichen Ebene berühren. Familiengeschichten eignen sich dafür immer ganz hervorragend. Nehmen wir Peter Parker, also Spider-Man: Der Ärmste hat gar keine Familie, zumindest keine Eltern. Dummerweise sind die beiden recht früh gestorben, so dass er bei Onkel und Tante aufwächst. Die kümmern sich zwar liebevoll, aber sie sind halt nicht Mutter und Vater. Das ist übrigens ein Schicksal, dass Spider-Man mit Superman teilt. Bekanntlich hat dessen Heimatplanet Krypton „BOOM“ gemacht, während Papa und Mama noch darauf standen, und so kümmern sich die alternden Kents um den Stählernen. Etwas abgeschwächt liefert Tony Stark mit seinem problematischen Verhältnis zu seinem Altvorderen auch ein schönes Beispiel.

Im Fall von Elton John ist das ebenso zu Herzen gehend: Der gute Elton würde ja so gerne mal von seinem Vater in den Arm genommen und geherzt werden. Und was macht der grobe Klotz? Nix! Der Typ ist ein emotionaler Krüppel, unfähig, seinem Sohn und seiner Frau Gefühle entgegen zu bringen. Irgendwann verlässt der Miesepeter die beiden sogar. Elton wird vor allem von seiner Großmutter aufgezogen, die ihn auch zum Klavierspielen ermutigt. Und fortan jagt Popstar Elton dem scheinbar unerreichbaren Traum nach, echte Liebe zu erfahren. Es geht nicht um Ruhm, auch nicht um Reichtum, den hat er schließlich schon, sondern nur um Liebe. Aaaaaach… Na, wenn da nicht jedes Taschentuch in Reichweite feucht wird…

2. Die Berufung – man muss sich beweisen:

Warum wird Superman so gerne persifliert? Weil er einfach perfekt ist. Der amerikanische Traum in Menschengestalt, der Übercharakter qua Geburt. Scheitern kennt er nicht, ihm fliegt praktisch alles zu. Solche Typen waren schon in der Schule unsympathisch, oder? Deshalb besagt das ungeschriebene Gesetz der Comicautoren, dass ein angehender Superheld am besten ein Underdog ist, der sich hochkämpfen und beweisen muss. Spider-Man ist chronisch pleite, Captain America war mal ein (dünner) Strich in der Landschaft, und selbst das Green Lantern Korps nimmt längst nicht jeden, die grünen Latüchten in spe müssen erst mal ein paar Prüfungen bestehen.

Jung Elton ist ja nun ein Underdog, wie er im Buche steht. Reingeboren in eine käsige britische Unterschicht, gefangen in einem miefigen Elternhaus, scheinbar keine Freunde, zumindest keine, die im Film gezeigt werden. Auch später, wenn er schon Klavierspielen kann, wird es nicht besser. Da kriegt er es mit einem Musikverleger zu tun, der anscheinend an Tourette leidet und ihn erst mal ordentlich zusammenfaltet. Ganze 99 Prozent, von dem, was Elton vorspielt, ist Scheiße (sagt der, nicht ich). Naja, und dann kommt irgendwann „Your Song“. Übrigens ist das im Film eine ziemliche Beschönigung. Denn im echten Leben hatten Elton John und Bernie Taupin vor ihrem großen Durchbruch bereits ein Album veröffentlicht, das eher geht-so gelaufen ist. Hätte besagter Musikverleger Dick James nicht in das Duo investiert und den beiden eine zweite Chance gegeben, wer weiß…

Rocketman und Superheldenfilme
Spider-Man, Rocketman, Iron Man: Mal abgesehen davon, dass wir hier alle drei Schreibweisen eines „Man“ finden (mit Bindestrich, Leerzeichen und durchgeschrieben), weisen die beiden Superheldenfilme und die eine Künstler-Biografie doch erstaunliche dramaturgische Ähnlichkeiten auf.
3. Der Bösewicht – und seine Beziehung zum Guten:

In jeder Superheldengeschichte muss es den Superschurken geben, sonst wäre es ja langweilig. Es ist schon komisch: Die Welt lebt ruhig vor sich hin, aber kaum erfährt irgendwo ein Superheld seine Origin, da taucht auch schon ein Bösewicht auf, der unter seelischen Blähungen leidet. Naja, das zeigt auch ganz gut, dass der Superschurke im Idealfall irgendwie eng verbunden ist mit dem Strahlemann in der Geschichte. Der Grüne Goblin und Spider-Man stehen sich unbewusst sehr nah. Und je nach Batman-Inkarnation gäbe es den Fledermaus-Mann nicht ohne Joker oder den Joker nicht ohne Fledermaus. Das alte Licht-und-Schatten-Spiel halt. Gab es nicht sogar mal irgendeine Superhelden-Persiflage, in der Gut und Böse miteinander – Pardon! – geknattert haben? Klar, es gibt Catwoman, aber da gab es doch noch irgendwas anderes…

Wie dem auch sei, kaum dass Elton John seinen ersten erfolgreichen Gig bestanden und damit endgültig den Durchbruch geschafft hat, tritt John Reid auf den Plan. Der ist Musikmanager, zufällig genauso schwul wie Elton, beide landen miteinander im Bett (hübsche schwule Liebesszene übrigens). Doch das Glück währt nur kurz und verkehrt sich ins Gegenteil: John Reid ist der Teufel in Musikmanager-Gestalt, geht fremd, ohrfeigt Elton, sägt kurzerhand Dick James ab. – Hier merkt man richtig, wie der Drehbuchautor einen Gegenspieler für die Geschichte benötigte: John Reid taucht auch in Bohemian Rhapsody auf, schließlich hat er auch mal Queen gemanagt, wird dort aber deutlich positiver gezeichnet. Und im echten Leben kümmerte er sich bis 1998 um Eltons Geschäfte. Der wirkliche Reid war sicherlich kein Kind von Traurigkeit, aber ob er so schlimm war wie im Film?

4. Die Selbstzweifel – zu selbstsicher ist nicht gut:

Bruce Wayne hat ein paar wildgewordene innere Dämonen. Sollte er auch, denn sonst wäre er ziemlich unsympathisch. Ich meine: Der Mann ist ein blöder Milliardär. Der hat nicht nur eine Firma laufen, sondern einen riesigen Konzern. Und den hat er auch nur, weil Papi den Laden gegründet hat, sonst hätte Bruce vermutlich eine Bankenlehre gemacht oder wäre Versicherungsvertreter geworden. Ok, Sozialromantik beiseite, es wird wohl klar, worauf ich hinaus will: Ist ein Charakter zu außergewöhnlich, ist er doof. Ist er zu normal, wird er langweilig. Tony Stark ist anfangs auch ein Drecksack mit einem dicken Portemonnaie. Der sucht Zeit seines Lebens nach seinem inneren Gleichgewicht.

Und der Elton? Der geht erst mal kräftig shoppen. Und hart Party machen. Ist aber auch nur Ausdruck dafür, dass der gute Mann etwas unausgeglichen ist. Am Klavier, da fliegt ihm alles zu, kaum hört er eine Melodie, kann er sie nachspielen. Kaum setzt er sich an die Tasten, fließen perfekte Pop-Balladen aus seinen Fingern. Also eine Superkraft, die ihm einfach so zugeflogen ist, scheint’s. Aber im echten Leben, da hapert’s mit den Menschen und mit dem Selbst. Dem Bernie Taupin tritt er vors Schienbein, die Renate Blauel heiratet er aus falschen Gründen, Drogen und Sex werden irgendwann zum Selbstläufer. Es dauert ein bisschen, bis John seine innere Mitte findet und mit Taupin wieder ein Dynamisches Duo bildet.

5. Das Happy End – kriegt er’s oder kriegt er’s nicht:

Es gibt bekanntermaßen nicht nur die strahlenden Superhelden wie Captain America, Captain Marvel und Nicht-Captain Superman. Und es gibt auch nicht nur die Klassenclowns wie etwa die Guardians of the Galaxy – oder Thor, den man in den jüngsten Filmen dazu gemacht hat. Es gibt auch die dunklen Helden: den Punisher, den Ghost Rider oder (den) Spawn. Sie entstammen oftmals einer tiefgreifenden Tragödie, die sich auch nicht mehr rückgängig machen lässt. Beispiel: Egal, wie viele Bösewichter der Punisher über den Jordan gehen lässt, es wird seine tote Familie nicht zurückbringen. Doch je tragischer die Origin eines Charakters ist, desto mehr wünscht man ihm, dass auch für ihn eines Tages die Sonne scheinen möge.

In Rocketman hat man eine hübsch-fiese Sequenz eingebaut, wie der inzwischen reiche und berühmte Elton seinen Herrn Papa besucht, der inzwischen eine neue Familie gegründet und zwei Söhne hat. Und da muss Elton nicht nur erfahren, dass der Blödmann noch immer keinerlei Interesse an ihm hat. Nein, er muss auch noch miterleben, wie liebevoll der Sack mit seinen neuen Söhnen umgeht – ein paar nette Gesten, die Elton nie erfahren hat. Ja, also, sofern ein Protagonist angesichts einer solchen emotionalen Ungerechtigkeit nicht aus purer Verbitterung zum Superschurken mutieren sollte, wünscht man ihm doch umso mehr, dass er irgendwann sein Glück finden wird. Wenn auch nicht mit dem eigenen Vater, dann doch mit irgendjemand anderem.

Rocketman Blu-Ray
Glitzerbrille und Schillerscheibe – kleine Botschaft in eigener Sache: Ja, wir schauen noch von physischen Datenträgern. Ja, wir sind Verpackungsfetischisten. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
Doppelidentität mit Federboa

Jetzt könnte man noch ein paar andere Punkte auflisten. Etwa die Superkraft selbst, also das Musikmachen. Oder der Sidekick, also Bernie Taupin. Sogar die Doppelidentität ist vorhanden: An einer Stelle wird dem Reginald gesagt: „Du musst den, als der du geboren wurdest, umbringen, damit du die Person sein kannst, die du sein willst.“ Boah! Klingt toll, oder? Könnte man auf jedes Motivations-Poster drucken oder bei Instagram posten, gäbe sofort massig Likes. Naja, der Reginald wird zum Elton und versteckt sich fortan hinter ganz großen Sonnenbrillen und hinter ganz bunten Kostümen mit Federboas – quasi die umgekehrte Kostümierung des üblichen Superhelden, der sich hinter Alltagskleidung versteckt und ansonsten im farbigen Spandex unterwegs ist. „The Bitch is back!“, aber der Reginald ist weg.

Insofern unterscheiden sich Rocketman und Bohemian Rhapsody jedenfalls von vorherigen Künstler-Bios. Val Kilmer in The Doors als Superheld? Undenkbar! Kevin Kline als Cole Porter in De-Lovely? Mmh, nö. Christian Bale / Cate Blanchett / Richard Gere / Heath Ledger / Ben Wishaw als Bob Dylan in I’m not there? Nicht wirklich! Aber nach dem großen Erfolg der Elton John-Freddie Mercury-Geschichten bin ich gespannt, was uns in Zukunft im Kino an musizierenden Superhelden erwarten wird. Die Bee Gees sind jedenfalls schon in Planung – vielleicht als Falsett-singende Avengers. Vielleicht kommt ja noch irgendwann die Genesis-Story mit einem genial-guten Peter Gabriel als Held und einem kommerz-korrumpierten Phil Collins als Bösewicht. Oder David Bowie als Major (nicht Captain!) Tom. Oder Bruce Springsteen, Superhelden-Name: The Boss, der zwar nicht aus einfachen britischen, aber aus einfachen amerikanischen Verhältnissen stammt und auch ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Herrn Papa hatte.

So gar nicht Helden-like

Abschließend fällt mir vielleicht noch auf: Einen großen Unterschied gibt es dann doch zwischen Freddie, Elton & Co. einerseits und den Avengers und der Justice League andererseits. Nämlich: Kennt jemand einen ernsthaften Superhelden, der nur zum Superhelden geworden ist, damit ihn die Leute geil finden? Zwar wird mal einer von der Spinne gebissen, der andere kriegt ein Superserum eingeflößt, der nächste verträgt ganz einfach die irdische Sonne besonders gut. Aber eine Karriere vorne auf der Bühne vor Zehntausenden von Leuten als besondere Motivation? Nee, da haben Elton John und Freddie Mercury ihren gezeichneten Gegenstücken Kal-El und Bruce Banner doch einiges voraus: Sie sind ziemliche Rampensäue.

*Nee, reicht doch nicht. Ein paar Zeilen zum Film selbst hat sich Rocketman schon verdient. Warum also ist das ein guter Film? Fragezeichen? Weil er mutiger ist als Bohemian Rhapsody und Elton John auch mal im Bett mit einem anderen Mann zeigt? Nein, deshalb nicht, denn man sollte von einem Biopic erwarten dürfen, dass er auch etwas von dem „Bio“ im Namen abbildet. Rocketman zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass die früheren Jahre in Johns Karriere wie ein Bühnenmusical verfilmt worden sind. Heißt: Die Musik wird Teil der Handlung, die irgendwo hin- und herwabert zwischen der echten Welt und einem Fantasieland, wie es auch die Musik Elton Johns zeichnet. Die Höhepunkte sind hoch, die Tiefpunkte emotional packend, und die Songs führen locker durch die Geschichte wie ein charmanter Conférencier. Das hat mehr Schwung und macht mehr Laune als der Queen-Film und wirkt paradoxerweise sogar ehrlicher. Und Taron Egerton zeigt direkt nach Robin Hood, dass er einer der verheißungsvollsten jungen Schauspieler da draußen ist. – 8 / 10

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