Bands, die irgendein Jubiläum feiern, werden ja gerne ein bisschen faul. Dann liefern sie nämlich das unvermeidliche Remix-Album. Thunder haben sich zum 30-Jährigen aber ein paar Gedanken gemacht.

Normalerweise lasse ich mir ja Zeit, bevor ich etwas zu einem Musikalbum schreibe. Wenn ich denn etwas dazu schreibe. Ausnahme: die aktuelle Scheibe von Thunder. Das gute Stück weilt jetzt erst zwei Tage in meiner Sammlung, und ich bin versucht zu sagen, dass das die vorläufige Platte des Jahres ist. Und voraussichtlich auch mein Sommer-Album wird. Wohlgemerkt für mich. Der Grund dafür ist ganz einfach: Bereits die ersten Klänge von Please remain seated haben mir ein Grinsen ins Gesicht gezaubert, und das geschieht bei neuen Alben leider nicht mehr allzu oft. Allerdings muss man dabei auch bedenken: Das Album ist kein neues Studio-Album, sondern eine Werkschau der Band im neuen Gewand. In der Regel bin ich bei solchen Zweitverwertungen eher skeptisch, aber hier ist das Projekt ganz wunderbar gelungen.

Thunder Please gemein Seeed Doplelalbum
Obligatorisch: Thunder bietet gerne Deluxe-Alben mit Schillerscheiben im Doppelpack ab. Da macht die neue Veröffentlichung zum Jubiläum keine Ausnahme. Kein Problem, wenn das Ergebnis so gelungen ist.

Thunder ist eine britische Rock-Institution. Die Band formierte sich im Jahr 1989 in London und konnte zu Beginn – also mit dem sich andeutenden Ende der Hair- und Melodic-Rock-Ära – ein paar Achtungserfolge verbuchen. Die Granate „Love walked in“ entwickelte sich zu einem kleinen Kultklassiker, „Low Life in High Places“ wurde sogar ein Hit und lief auf MTV. Der große Durchbruch ist Thunder allerdings nie so richtig gelungen. Vermutlich weil sie mit ihrem – stets hochwertigen! – Hard Rock in den 90ern trotz guter Kritiken nicht viel reißen konnten. Es folgten gelungene Alben, Auflösungen, einige Solo-Projekte, Reunions, wieder gelungene Alben und damit bis heute ein sehr beachtliches Œuvre. Auch wenn Thunder im Laufe der Jahre immer mehr in Richtung Blues-Rock marschierten, so waren und sind sie doch eine Konstante in der Rock-Szene.

Und plötzlich gucken mal kurz die Beatles vorbei

Ok, normalerweise hasse ich es, wenn Plattenkritiken erst mal die Bandchronik aufmachen. In diesem Fall sei der weit gespannte Bogen aber erlaubt. Denn Thunder waren früher mal Mattenschwinger in knackigen Lederhosen. Heute dagegen spielen sie bei den alten Herren. Sprich: Die Band feiert dieses Jahr ihr 30-Jähriges und hat das zum Anlass genommen, eine Reihe ihrer Songs neu aufzunehmen. Wenn man sich dann das genannte „Low Life in High Places“ aus dem Jahr 1992 nimmt und es mit seinem Remake von 2019 vergleicht, wird klar: Das hier ist wohl ein Spaßprojekt. Das Original ist eine Rockballade mit einem mächtigen E-Gitarren-Gewitter in der Mitte – Riffs konnten Thunder schon immer. Die neue Version ist eine Klavier-Ballade, die anfangs gefühlsmäßig mit einer einsamen Trompete auf verlassene nächtliche Großstadtstraßen entführt, dann aber zur Mitte mit Background-Chor und Streichern plötzlich ganz ordentliche Beatles-Vibes versprüht.

Thunder Please remain seated Booklet
Keine Überraschungen: Ein paar Bildchen im Booklet. Für ein Jubiläum hätte es auch etwas mehr sein dürfen.

Ähnlich ein weiteres Highlight des Deluxe-Doppelalbums: Auf CD 2 findet sich eine Neuaufnahme von „Robert Johnson´s Tombstone“. Im Jahr 2006 hatten Thunder damit dem King des Delta-Blues ein kleines trocken-rockendes Denkmal gesetzt. Die Neuaufnahme ist zwar noch elektrifiziert, gibt sich aber überwiegend akustisch und jammt locker groovend vor sich hin. Damit ist der Song vielleicht noch einen ganzen Tacken näher am großen Vorbild – und macht auch gleich noch mal ein bisschen mehr Spaß. Um aber Missverständnissen vorzubeugen: Please remain seated ist kein Unplugged-Album, das schnell aus der Hüfte geschossen wirkt, um zum Jahresbeginn ein paar leichte Euro abzuräumen. Wenn man sich die einzelnen Songs zu Gemüte führt, merkt man recht schnell, dass sich die Band ausreichend Gedanken gemacht hat, was sie mit dem alten Material anstellt.

Viele gute alte Bekannte

Soundmäßig erinnert Thunder damit zum Jubiläum sehr stark an die Solo-Projekte von Sänger Luke Morley und Gitarrist Danny Bowes – satter Groove, treibende Drums, Schweineorgel, Riffs zum Niederknien. Apropos: Bowes ist auch nach 30 Jahren stimmlich noch bestens beisammen und gibt auch den Neuaufnahmen eine sehr schöne raue und schnittige Oberfläche. Weitere Anspieltipps: meine persönlichen Favoriten aus dem Schaffen der Band, also „Fly on the Wall“, „Just another Suicide“, „She´s so fine“, „River of Pain“, „Like a Satellite“. Deshalb ist der Kauf der Deluxe-Ausgabe auch beinahe zwingend.

In Kürze: Thunder sind eine Konstante in der Rockszene. Heißt: hochwertiges Material hochwertig abgeliefert. Die neue Scheibe macht dabei keine Ausnahme. Da erlaubt man der Combo aus London auch gerne, dass sie zum 30-Jährigen eine Werkschau mit Neuaufnahmen einiger „Klassiker“ liefert. Denn die Band führt nicht nur alte Bekannte zusammen, sondern hat sich bei jeder Neuaufnahme einige Gedanken gemacht. Die Scheibe macht Spaß, es gibt einiges neu zu entdecken, und im Sommer landet das Ding sicherlich auf Rotation im Auto.
Bewertung: 8 / 10

 

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