Musikalische Begleiter – es gibt sie und (beinahe) jeder hat sie. Nein, damit ist kein singender Stalker und kein anhänglicher Musiker gemeint. Sondern vielmehr Lieblingsalben, die den Musikgeschmack prägen, Trends trotzen und die Jahre überdauern. Grund genug, in loser Folge unsere persönlichen musikalischen Begleiter vorzustellen und damit vielleicht auch einige Tipps für neues und altes Musikfutter zu geben. Den Auftakt macht John Hiatt, der dem Zuhörer die perfekte Gitarre vorspielt und davon singt, wie der Barbie-Ferrari geschrottet wird.

Nomen est omen: Die Schillerscheibe zur perfekten Gitarre – mit den perfekten Songs.

Heult der etwa? Und jault? Ja, tatsächlich, er macht´s! John Hiatt lässt die Gitarre kreischen und gibt dazu den Howling Man wie ein liebestoller Kojote. „Something wild“ heißt der Eröffnungssong, und auch wenn es nicht der beste Track auf dem Album ist, so gibt die treibende Rocknummer mit dem harten und knackigen Refrain doch ganz gut die Marschrichtung für das gesamte Album vor: Es wird ein bisschen schroffer.

Perfectly good Guitar kam im Jahr 1993 in die Plattenläden. John Hiatt war mir zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt. Und ich wäre auch wohl noch lange unwissend durch die Musiklandschaft gestapft, wäre ich nicht permanent auf der Suche gewesen nach guter handgemachter Musik. Getrieben von der reinen Not, denn wir erinnern uns: Anfang der 90er beherrschte – nicht nur, aber doch ziemlich merklich – gerade schwer angesagte Musik wie Eurodance und Boygroups die Charts. Da nahm ich dankbar alles an, was irgendwie „echt“ klang.

Per Videotext in Americana-Gefilde

John Hiatt schien jedenfalls weit von den Charts entfernt. Über den Tipp zu Mann und Musik stolperte ich weder in einer Musikzeitschrift noch in einer abseitigen Radiosendung zu später Stunde. Und dieses neumodische Internet war auch noch nicht in Sicht. Ich griff dann auf einen sehr rudimentären Vorläufer zurück: Videotext. Ja, genau, die Klötzchenbuchstaben im Fernsehen. Und was ich da las, klang für den jungen Musik-Entdecker doch ziemlich verheißungsvoll. Immerhin schien Hiatt jemand zu sein, der im Bereich Americana schon eine gewisse Geschichte geschrieben hatte, also in diesem musikalischen Sammelsurium aus Blues, Folk, Rock und Country.

Selten: Eine Promo-CD, die begleitend zum Album veröffentlicht wurde. Sie enthält Akustik-Versionen der Songs „Perfectly Good Guitar“ und „Angel“.

Die Mär von der perfekten Gitarre stellt dann auch einen ziemlich reichen Fundus für den Rock-Freund dar. Perfectly Good Guitar ist – nomen est omen – sehr gitarrenlastig und rockig geraten, aber nun auch nicht sonderlich konsistent. Was ich durchaus als Vorteil sehe, weil es da einiges zu entdecken gibt. Auf das rockige „Something wild“ folgt mit „Straight outta Time“ eine Hiatt-typische Ballade, dann mit dem Titelsong „Perfectly good Guitar“ ein ziemlicher Ohrwurm. Sowieso: „Catchy“ sind die Songs irgendwie alle. Eine fröhliche Rocknummer wie „Cross my Fingers“ verschwindet genauso wenig aus dem Kopf wie das eher spröde und sägende „When you hold me tight“ oder das bewegende „I´ll never get over you“.

Mit Schrotflinte und indischer Sitar

Lieblingssongs? Nun, da wäre das schnelle „Angel“ etwa zur Albummitte, das zwar fröhlich klingt, aber einen beinahe schon ironischen Text präsentiert. Und dann schrottet Hiatt noch Barbies berühmten Ferrari – natürlich in übertragenem Sinne: „The Wreck of the Barbie Ferrari“ handelt von einem Mann, der von seiner stumpfen und langweiligen Existenz in den Wahnsinn getrieben wird und mit einer Schrotflinte seine Familie erschießt. Oder erschießt er doch nur eine Puppensammlung? Der Text lässt beide Schlüsse zu. Für einen jungen Hörer vielleicht etwas zu hintersinnig. Aber der Song, der geradezu spielerisch auch eine Sitar und indischen Raga einschließt, geht immerhin gut ab.

He’s played with cars and guns since he could crawl
Now he wishes he’d never met that doll with her face gone
There wasn’t nothing he ever thought about

„The Wreck of the Barbie Ferrari“ – Auszug

Perfectly Good Guitar wurde bei Veröffentlichung vorgeworfen, dass Hiatt mit der härteren Gitarrenarbeit Neil Young imitiere – und damit immerhin den Urvater des damals ebenfalls hypenden Grunge. Kann man so interpretieren. Denn Hiatt machte zu dem Zeitpunkt immerhin schon seit mehr als 20 Jahren Musik, war unter Kritikern und Musikkollegen hochgeschätzt, hatte mit Legenden gespielt und Songs für sie geschrieben. Doch selbst nach einer Reihe großartiger Alben war ihm selbst als Künstler noch nicht der Durchbruch gelungen. Und mit seinen 40 Lenzen wurde er für einen hippen Rockstar langsam etwas zu alt.

CD-Regal mit Alben von John Hiatt
Mit einer Platte fing es an: Inzwischen sind alle Alben von John Hiatt in meine Sammlung gewandert. Und auch die drei bisherigen Alben seiner Tochter Lilly.
Auftakt zur Entdeckungstour

Völlig egal: Die Perfectly Good Guitar war in ihrer musikalischen Vielfalt tatsächlich so perfekt, dass ich Lust auf mehr bekam, mir zunächst die weiteren großartigen Alben von Hiatt erschloss und anschließend noch viele weitere Künstler aus der amerikanischen Singer-Songwriter-Rock-Ecke, also jenseits von Bruce Springsteen und John Mellencamp. Das schließt übrigens auch Hiatts Tochter Lilly mit ein, die inzwischen ihre ganz eigenen Lebenserfahrungen gemacht und nebenbei drei Alben herausgebracht hat. Doch das ist eine andere Geschichte…

Schicke Platte: Da gibt´s große Augen.

Perfectly Good Guitar steht heute noch immer zusammen mit allen anderen Hiatt-Werken ganz vorne in der Sammlung und wandert regelmäßig wieder in die Rotation. Und die Geschichte gibt dem Album ja Recht: Euro-Gezappel und Boygroup-Gejaule rufen bei den meisten Leuten nur noch ein Schmunzeln und leicht peinliche Erinnerungen hervor. Doch Hiatts Album klingt selbst nach 25 Jahren nicht wirklich gealtert.

John Hiatt: Der Country-Schrat aus Indiana


Kaum jemand kennt ihn, aber fast jeder dürfte mal etwas von ihm gehört haben: John Hiatt macht seit den frühen 70er Jahren Musik, und auch wenn seine Alben von Beginn an gute Kritiken erhalten haben, blieb der große Publikumserfolg stets aus. Ein bisschen änderte sich das mit dem Album Bring the Family von 1987, das zusammen mit den beiden Folgealben Slow Turning und Stolen Moments eine bemerkenswerte Trilogie bildet. Hiatt fiel damals mit dem Hit „Have a little Faith in me“ auf, das heute beinahe ein kleiner Standard ist – auch wenn ihn jeder in der Cover-Version von Joe Cocker kennen dürfte. Hiatt hat bis dato 26 Alben veröffentlicht, mit zahlreichen Größen wie Ry Cooder, Jim Keltner, Levon Helm oder Bonnie Raitt gespielt und gilt als einer der am meisten gecoverten Künstler.

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