Den Drehplan zeitlich um das Dreifache überschritten. Das Drehbuch bei Beginn der Dreharbeiten nicht fertig und mehrfach umgeschrieben. Die Technik eine einzige Katastrophe und Kostenfalle. Der Regisseur jung noch völlig unbekannt… Würde man heute solche Meldungen über eine Filmproduktion lesen, es würde nicht lange dauern, bis der Internet-Mob aus seinen Löchern gekrochen kommt und den Film bereits vor Start als kolossalen Flop abtut. Damals – in den Jahren 1974 / 1975 – gab es aber noch kein Internet, und der sichere Flop wurde in diesem Fall zum Meilenstein des Kinos – der dieses Jahr seinen 45. Geburtstag feiert: Jaws, in Deutschland auch bekannt als Der weiße Hai!

Petri heil!

Die Produktionsgeschichte von Jaws ließ jedenfalls leicht auf eine filmische Katastrophe schließen. Dass dem nicht so war, verdankte der Film neben Regisseur Steven Spielberg und seinem offenkundigen Talent auch allen anderen Beteiligten. Angefangen bei den Darstellern, die mit Roy Scheider, Richard Dreyfuss und Robert Shaw ein ziemlich prominentes Protagonisten-Trio bot. Selbst Antipathien zwischen Shaw und Dreyfuss bereicherten den Film sogar.

Auch die Musik von John Williams – die den absolut richtigen Ton traf (höhö) – sollte einen erheblichen Teil zum Erfolg beitragen. Schließlich ging das so minimalistische wie markante Leitmotiv (E und F, mehr Noten braucht es nicht) für den weißen Hai in die Filmgeschichte ein und wurde popkulturelles Gemeingut. Auch die Tricktechniker, die das Beste aus dem divenhaften mechanischen Hai machten, sollten nicht unerwähnt bleiben. Hätte Bruce – so der Name des Mistviehs, ebenso wie von Spielbergs damaligen Anwalt – von Anfang an funktioniert, wie er sollte, wir hätten wohl einen völlig anderen Film bekommen.

John Williams ist berühmt für einprägsame Themen. Das zu Jaws ist keine Ausnahme und wurde in anderen Filmen und Serien oft zitiert. Und mal ehrlich: Wer hat im Schwimmbad nicht auch schon einmal kurz die Melodie gesummt?

Andeutungen hier, Schatten dort, ominöse Musik da drüben, eine Rückenflosse hinter uns. All diese kleinen Spannungsmomente – und von denen gibt es in Jaws viele – verdanken wir nur den technischen Unzulänglichkeiten des animalischen Hauptdarstellers. Der mochte es eher trocken, denn das Wasser des Atlantik machte ihm sehr zu schaffen. Die Pneumatik versagte, Bewegungen wurden unkontrolliert und sein Gewicht war ein weiteres Problem. Aber mal im Ernst: Wer konnte auch erahnen, dass ein tonnenschwerer Metallhai auf den Grund des Meeres sinken würde…

Blutiger Köder

Der Umstand, dass man den Hai erst sehr spät in voller Pracht sehen konnte, trug auch maßgeblich zur Spannung bei. Ein Kniff – zwar nicht neu, aber durch Jaws eindeutig in die Filmhistorie zementiert – der später auch immer wieder in anderen Filmen zum Tragen kam. Man möge nur an Alien oder Predator denken.

You’re gonna need a bigger boat.

Der weiße Hai/ Darum geht´s: Eigentlich unnötig, aber der Vollständigkeit halber: Polizeichef Brody muss sich nicht nur mit nervigen Urlaubern rumärgern, nein, auch ein gewaltiger weißer Hai macht die Küste von Amity Island unsicher. Nachdem der vermeintliche Killer selbst gekillt wurde, drängt der Bürgermeister auf Normalität. Nachdem aber eine weitere Katastrophe unzählige Menschenleben fordert, ist klar, dass das eigentliche Ungetüm noch am Leben ist. Nun liegt es an Brody, dem nerdigen Hooper und dem grantigen Quint, den Hai zur Strecke zu bringen. Also machen sich die Drei in einem nicht allzu großen Boot „out to the sea“.
Der Film! Zeitlos und ohne Frage ein Klassiker. Auch nach 45 Jahren beeinflusst er immer noch Filmemacher und erfreut sich großer Beliebtheit. Da haben die Beteiligten – trotz Schwierigkeiten – alles richtig gemacht.

Am 20. Juni 1975 schwappte Jaws dann tatsächlich in die amerikanischen Kinos, und wie ein Hai dem Blut im Wasser, so folgten auch die Besucher in die Lichtspielhäuser. Der filmische Begriff Blockbuster kam hier endgültig im Sprachgebrauch an. Die menschlichen Urängste vor offenem Wasser im Allgemeinen und vor Haien im Besonderen sahen sich in bislang kaum bekannter Weise mit dem Treiben auf der Leinwand konfrontiert. Das hielt die Kinozuschauer aber nicht davon ab, den Film zu einem großen Erfolg zu machen. Das Genre des Tierhorrors bekam neuen Aufwind, und in den folgenden Jahren sollte es in Kinos und Videotheken nur so von ähnlich gelagerten Filmen wimmeln.

Beifang

Ähnlich wie Stirb langsam – der den Actionfilm revolutionierte – erging es auch Jaws: Fortsetzungen und Kopien reihten sich aneinander, die zwischen toll und Grütze alles bedienten. Vor allem die Nachahmer waren in den Siebzigern und Achtzigern zahlreich. Wenn ein Hai nicht mehr ausreichte, wurden auch so manches Mal einfach das Tier und der Handlungsort gewechselt. Ob Oktopus, Bär oder Krokodil, ob im Wasser oder an Land, die Grundidee blieb oftmals gleich.

Der weiße Killer, Piranha und Grizzly – um nur einige zu nennen – nahmen die Handlung von Jaws als Blaupause für ihre eigene Interpretation. Nicht originell, aber in manchen Fällen sehr unterhaltsam.
Anders gingen Filme wie Orca, Deep Blue Sea und jüngst The Shallows vor: Eigene Ideen gepaart mit dem Geist des großen Vorbilds ermöglichten im Endeffekt – völlig überraschend! – deutlich bessere Filme. Nichtsdestotrotz müssen sich auch heute noch alle diese Streifen an Jaws messen lassen. Auch ein Beweis für den nachhaltigen Eindruck, den der Film in der Popkultur hinterlassen hat.

Vintage-Spielzeug? Fast. Bevor Funko seine ReAction-Reihe an Super7 abgab, veröffentlichten sie 2015 noch ein paar Figuren zu Jaws. Wie Film und Buch waren auch die kleinen Plastikmännchen ein voller Erfolg. Schnell ausverkauft und nur noch zu horrenden Preisen zu bekommen.


Es klingt beinahe selbst wie der Plot eines Buchs oder Films: Peter Benchley schafft es gerade so, seine Familie zu ernähren, hat aber keine wirklich Perspektive. Mit jeder Menge Glück und der Hilfe einiger Geschäftsbeziehungen aber gelingt es ihm, seine Ideen für zwei Bücher bei einem Verlag vorzustellen. Der Editor Thomas Congdon zeigt Interesse an einem der Stoffe – einen Thriller über einen Menschen fressenden Hai – und ermöglicht Benchley die Arbeit an dem Buch und dessen Veröffentlichung. Jaws wurde zu Peter Benchleys erstem Roman und schlagartig zum Erfolg. Im Jahr 1974 veröffentlicht, wurden die Filmrechte fast zeitgleich verkauft, und die Dreharbeiten starteten. Der Erfolg der Geschichte sollte sich auch in diesem Medium wiederholen.


Benchley selbst taucht als Reporter im Film auf und war auch sonst oft am Set. Das führte dann auch dazu, dass er von selbigem geschmissen wurde, weil es immer wieder zu Unstimmigkeiten bezüglich des Finales kam. Filmschaffende lassen sich halt nur ungern in ihre Arbeit reinreden. Interessanterweise gibt es in Benchleys Schaffen noch einige Parallelen zu den Jaws-Filmen mit ihren Sequels und Nachahmern:  Auch Benchley kopierte seine Grundkonstellation (Beast, White Shark aka Creature), und die Verfilmung seines Romans The Island (Freibeuter des Todes) trumpfte mit Michael Caine auf. Die Welt ist ein Dorf.

Aber nicht nur Kopien, auch Fortsetzungen blieben dem Film nicht erspart. Ganze drei Stück schafften es in die Kinos. Mit viel Wohlwollen kann man jedem Film etwas abgewinnen, aber außer dem zweiten Teil ist keiner von ihnen ein solider Film. Ambitioniert eventuell, überzeugend auf keinen Fall. Gerade Teil 4 ist mit seiner Konstellation aus Rachestory, Over-the-Top-Acting und günstigen Effekten eine Trash-Granate vor dem Herrn. Eben dieser Film wurde von Darsteller Michael Caine (!) sogar in seinen Memoiren erwähnt: Die übersichtliche Arbeitszeit und die überdurchschnittlich gute Bezahlung veranlasste ihn zur Teilnahme, immer im Hinterkopf, dass er das Geld gut für seinen damals aktuellen Hausbau gebrauchen konnte. Das führte auch zu diesem berühmten Zitat des Briten:

I have never seen the film, but by all accounts it was terrible. However, I have seen the house that it built, and it is terrific.

Allerdings gab es auch einen weiteren Trend, den das Buch und speziell auch der Film auslösten. Hört man das Wort „Hai“, denkt man sofort an die allesfressende Killermaschine. Selbst heute noch. Damals war dieser Gedanke noch weit tiefer verankert und führte dazu, dass nicht nur die Strände der Welt im Sommer 1976 erstaunlich leer blieben, sondern auch der Haifang einen Boom erfuhr.

Ohne schlechtes Gewissen wurden Haie jahrzehntelang gejagt und getötet. So manche Spezies bis zum Rand der Ausrottung. Dieser Umstand ist auch Autor Peter Benchley ein Dorn im Auge. So manches Interview mit ihm lässt eine gewisse Reue im Bezug auf den Roman durchblicken. Verständlich, wer möchte schon einer der Auslöser für einen Massenmord sein? Glücklicherweise wendete sich das Blatt in den vergangenen Jahren, und die Haijagd wurde immer mehr zum illegalen Treiben deklariert. Die Raubfische haben also noch eine Chance.

Ein Hai-denspaß! Das neu erschienene Brettspiel zum Film stammt von Ravensburger. Darin kämpfen bis zu drei Spieler gegen den Haispieler. Im ersten Teil des Spiels müssen unsere Helden Schwimmer retten und den Hai mit genügend Bojen versehen, um ihn zu verfolgen. Auf der Rückseite des Spielbretts befindet sich der zweite Teil. Brody, Hooper und Quint kämpfen auf ihrem Boot Orca ums Überleben, während der Hai Stück für Stück des Bootes auseinander nimmt. Schnell zu lernen und kurzweilig.
Die Welle des Erfolgs

Woran erkennt man, dass ein Film erfolgreich ist und auch noch Jahrzehnte später die Menschen begeistert? Richtig, am Merchandise! Zahlreich ist es zu Jaws – im Vergleich zu anderen Marken wie Star Wars – zwar nicht, aber in einiger Regelmäßigkeit kamen und kommen Produkte zum besten Hai-Film auf den Markt. Zu den obligatorischen Neuveröffentlichungen des Films und des Soundtracks gesellten sich unter anderem auch Figuren, Kleidung, Badetücher und ein Brettspiel hinzu. Als Fan hat man also eine nette Auswahl, um sein Fan-Sein außerhalb des Bildschirms zu zeigen. Parallel zum Film hat auch das Merchandise eine überzeugende Qualität. Selbst das Brettspiel ist unheimlich spannend, und das ausgerechnet für so einen alten Film.

Jaws wird also 45. Im besten Alter würde man wohl sagen, und so fühlt sich der Film auch an. Immer noch bestens unterhaltend, toll gefilmt, mit gut aufgelegten Darstellern, der ein oder anderen unfreiwillig komischen Szene und jeder Menge Spannung. Funktioniert heute noch fast genauso gut wie damals. Einzig die Angst vor offenem Wasser und Haien dürfte glücklicherweise abgeflaut sein.
Also, in diesem Sinne: HAPPY BIRTHDAY!

Die obligatorischen Pop!-Figuren von Funko dürfen natürlich auch nicht fehlen. Selbst in diesem Format sind die Protagonisten unverkennbar.

Smile, you son of a bitch!

In Kürze: Der Beginn einer neuen Kino-Ära. Ein Meilenstein des Horrorfilms. Filmmusik, die jeder kennt. Eine Geschichte, so dicht und packend, dass sie einen zu keiner Sekunde langweilt. Einfacher gesagt: Der Weiße Hai ist der Inbegriff des Blockbusterkinos – den Begriff hat der Film im Mainstream etabliert. Besser geht’s nicht, ein perfekter Film.
Bewertung: 10/10

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