Kürzlich lief Red Notice auf Netflix an. Höchst erfolgreich, aber auch vielfach kritisiert – und trotzdem schnell vergessen. Doch ist die schöne neue Netflix-Fastfood-Welt wirklich so viel schlechter als die gute alte Zeit? Nehmen wir mal James Bond … 

Ach, es ist aber auch ein Jammer, oder? Da kriegt man einen hochpreisigen Abenteuerfilm quasi frei Haus auf dem Silbertablett präsentiert, muss dafür noch nicht mal den Weg zum Kino auf sich nehmen, sondern nur einen Knopf drücken, und dann fühlt man sich auch noch irgendwie … ja, wie eigentlich? Naja, jedenfalls begab es sich vor nicht allzu langer Zeit, dass Netflix die eigene Großproduktion – oder große Eigenproduktion? – Red Notice in den Stream gepackt hat. Eine filmische Extravaganz, mit läppischen 200 Mio. Dollar budgetiert, zumindest wird dies kolportiert. Und ein paar bekannte Gesichter spielen auch noch mit, die gemeinhin mit nicht allzu anspruchsvoller, aber recht bunter Unterhaltungsware assoziiert werden.

Red Notice und James Bond
Ganz ehrlich? Es macht keinen Spaß, Bildschirme abzufotografieren. Daher nur eine rote Notiz zu Red Notice. Das ist der Nachteil der schönen neuen Streaming-Welt: Dort gibt es keine schick verpackten Datenträger mehr. Apropos schicke Verpackung: Das ist einer der Gründe, warum noch immer die James Bond-DVDs als Digipack in der Sammlung sind.

Red Notice bescherte Netflix einen seiner bis dato größten Erfolge. Aber manche Filmfans waren doch etwas „underwhelmed“, wie man auf Neudeutsch sagt. Die Gründe? Da wären Ryan Reynolds im Cast, künstlich aussehende Computereffekte, Ryan Reynolds, künstlich aussehende Computereffekte, Ryan Reynolds, künstlich aussehende … nun, das Übliche halt. Plus Dwayne Johnson, langsam unter Verdacht einer recht stereotypen Rollenwahl. Und plus eine Story, die ein wohldosiertes Maß harmloser Action mit einem wohldosierten Maß harmloser Twists mixt, mit ein paar Gags und den üblichen Witzchen des Herrn Reynolds. Machen wir uns nichts vor: Shakespeare ist das nicht. Aber ist es nun auch wirklich so schlimm?

Mies oder nur Netflix, das ist hier die Frage

Eigentlich ist es sogar schlimmer. Denn die Kritik lautete vielfach: Das Werk tut keinem weh. Haut folgerichtig auch niemanden um. Ich muss zugeben: Ich suche nicht aktiv nach Filmen, die mir wehtun. Es sei denn, jemand beschmeißt mich mit alten Videokassetten oder Laserdiscs, aber das kommt selten bis nie vor. Allerdings bedeutet „tut nicht weh“ auch, dass weder Ecken, Kanten noch Höhepunkte drin sind. Ich bin schon der Meinung, dass man auch einem anspruchslosen Popcorn-Film sagen darf, dass er mies ist – wenn er denn mies ist. Aber ist „haut nicht um“ auch wirklich gleich „mies“? Und stimmt das überhaupt, dass keine Höhepunkte drin sind?Oder hat die durchwachsene Resonanz einen anderen Grund, Stichwort „Netflix“?

Nun begab es sich ebenso, dass mich kürzlich der Podcast des deutschen Rolling Stone auf den Geschmack gebracht hatte, mal wieder die alte DVD von Der Spion, der mich liebte rauszukramen. Genau, der zehnte James Bond-Film. Mit Roger Moore. Aus dem Jahr 1977. Auf DVD. Retro! Na, und dann schaue ich den Film, und als der gute alte Bond plötzlich zwischen den Pyramiden in Ägypten herumläuft und seine Sprüche raushaut, da habe ich ein Déjà vu. Denn in Red Notice stehen unsere Helden auch mal kurz zwischen den Pyramiden rum. Was mich zur Frage bringt, ob man den ollen James nicht genauso positiv oder negativ sehen könnte wie das 44 Jahre jüngere Netflix-Werk. Wenn man denn wollte. Also: Zeit für einen kleinen Abgleich …

Red Notice und James Bond
Zwei Neuzeit-Indys und ein 70er Jahre-Bond: Red Notice macht aus seinen Vorbildern keinen Hehl. James Bond dagegen hat einen Vorteil: Er ist das Original (obwohl, das war ja Sean Connery).
Das Genre
Red Notice: Uns erwartet ein kunterbunter Heist-Abenteuer-Mix mit leichten Indiana Jones-Anleihen. Mit ganz leichten.
Der Spion, der mich liebte: Uns erwartet ein kunterbunter Agentenspaß mit schweren 70er Jahre-Vibes. Mit sehr schweren.
Der Held
Red Notice: Da liegt der Hase schon im Pfeffer. Nehmen wir mal nicht Dwayne Johnson, der ist sowieso immer lieb, hat Herz und Bizeps am rechten Fleck und bietet kaum Angriffsfläche für ernsthafte Kritik. Nehmen wir also lieber seinen Co-Star Ryan Reynolds. Der nervt, oder? Naja, jedenfalls fällt auf, dass er hier das tut, was er seit seinem Comeback als Meta-Held Deadpool immer tut: Er läuft leicht entrückt durch die Szenerie, so dass nie ganz klar ist, ob er gerade unter Drogen steht, einen mittleren Dachschaden hat oder schlicht in seine Windel-Phase zurückgekehrt ist. Und er macht Meta-Witze. Also Witze, mit denen er den eigenen Film auf die Schippe nimmt.
Der Spion, der mich liebte: Es gibt nur einen Helden, und der heißt Bond. James Bond. Was aber kein Selbstläufer ist, denn wir befinden uns in den tiefsten 70ern und damit in der Roger Moore-Phase der Filmreihe. Moore bringt Ironie ins Agentenspiel. Und nimmt den eigenen Film auch ein Stück weit auf die Schippe. Sowieso fällt auf: Der gute Roger ist in seinem dritten Geheimauftrag im Dienste Ihrer Majestät zu einem wandelnden Manierismus geworden wäre. Er spricht eigentlich keine Dialoge, sondern haut nur in den unmöglichsten Situationen die unmöglichsten Oneliner raus. Das nervt in der Geballtheit auch irgendwann …

Besagte Sprüche
Red Notice: Sprüche mit Köpfchen: Reynolds fragt seinen Co-Star Johnson in einer Gefängnisküche: „Warum trägst du ein Haarnetz?“ Angesichts von Johnsons Glatze eine berechtigte Frage. Später fragt Reynolds Johnson: „Sieht dein Hinterkopf aus wie ein Riesenpenis?“ (Hihihi!) Auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Die beiden suchen übrigens ein goldenes Ei, das mal Cleopatra gehört hat. Fragt Johnson in der Nazi-Schatzkammer: „Wie finden wir das Ei?“ Sagt Reynolds: „Such nach einer Kiste, auf der McGuffin steht.“ Na, kommt, das ist zwar meta, aber als solches nicht so doof. Was gibt’s noch? Na, zum Beispiel sagt Reynolds beim Anblick von Johnsons Lederjacke: „Irgendwo läuft jetzt eine sehr nackte Kuh rum und flüstert: ‚War’s wert.‘“ Und so weiter …
Der Spion, der mich liebte: Sprüche auf Stichwort: Es gibt in diesem Film nichts, nein rein gar nichts, was der gute James nicht mit einem Oneliner kommentiert. Gerne gemixt mit Anzüglichkeiten. Da wird Bond von einem alten Studienkumpel eine Wüstenblume zur Bespaßung gereicht. Sagt Bond: „Wenn man schon Ägypten besucht, sollte man auch versuchen, in seine Geheimnisse einzudringen.“ Später in leichter Variation, als er mit Barbara Bach, dem Haupt-Bondgirl rummacht: „Ich versuche, die Zusammenarbeit zu vertiefen.“ Immer versucht er nur … Versucht wird er übrigens auch in Kairo, als sich ihm eine undurchschaubare Dame an den Hals wirft. Da meint James: „Es kommt zwar überraschend, aber für Süßes lass‘ ich alles steh’n.“ Und so weiter …
Red Notice und James Bond
Zweimal Retro-Feeling bei Bond, weil: 70er Jahre-Film auf DVD. Findet sogar Dwayne Johnson toll (Frage: Schauen Hollywood-Stars wohl noch Filme von DVD?).
Der Bösewicht
Red Notice: Gibt es einen? Nun, es gibt einen kleinen lächerlichen Typen mit Napoleon-Komplex, der seine Opfer gerne erwürgt, und das vorzugsweise in entkleidetem Zustand. Also, er ist entkleidet, nicht seine Opfer. Klingt albern? Ist auch albern. Und ein richtiger Bösewicht ist das nicht. Mmh, und dann gibt es noch eine Inspektorin von Interpol. Aber die ist vor allem hübsch, hetzt unseren Helden nur hinterher, kommt immer einen Moment zu spät, ist hübsch, aber keine Bedrohung. Und böse sowieso nicht. Aber hübsch. Oder habe ich das gerade schon erwähnt? Ansonsten: Die Interpol-Typen ballern immer sofort los. Verhält sich die Behörde in der Realität auch so?
Der Spion, der mich liebte: Fast schon eine tragische Figur: Curt Jurgens, äh, Curd Jürgens. Traurig, dass die Macher den Namen des berühmten Deutschen im Vorspann nicht richtig schreiben konnten. Das ist aber nicht das Tragische, sondern vielmehr der Umstand, dass Jürgens die Rolle hier vermutlich nur angenommen hat, um ein paar Rechnungen zu bezahlen. Und dann hat man ihm nicht nur ein paar generische Bösewicht-Sprüche auf den Leib geschneidert, sondern auch ein paar ausgesucht hässliche 70er Jahre-Klamotten. Gert Fröbe war besser. Ansonsten: Richard Kiel feiert seinen kultigen Einstand als Beißer, und das noch erfreulich ernsthaft.
Die Gadgets
Red Notice: Ohne zu viel verraten zu wollen: Ein Porsche Taycan hat einen denkwürdigen Auftritt. Schönes Auto, Zeitgeist-gerecht mit Elektroantrieb. Sonstige Gadgets: Dwayne Johnsons Bizeps. Der rechte. Der linke aber auch. Können sich beide sehen lassen, erwecken den Eindruck, als sollten es mal Beine werden. Apropos Beine: Gal Gadots Beine. Bei aller Gleichberechtigung, die zeigt sie häufiger, als das die Herren im Film mit ihren eigenen Beinen tun. Ansonsten gäbe es noch eine Verfolgungsjagd mit einem Mercedes-Benz Grosser 770, Baujahr 1931, und mehreren Volkswagen Typ 181, bekannt als Kübelwagen aus dem dritten Indy.
Der Spion, der mich liebte: Der Lotus Esprit. In Weiß. Kann schwimmen. Und tauchen. Und Boden-Luft-Raketen abschießen. Wer auch nur einen Hauch der späten Siebziger oder frühen Achtziger mitbekommen und den Lotus als Spielzeugauto hatte, der … Naja, der wird den Aston Martin DB5 aus Goldfinger noch immer als besten Bond-Wagen bezeichnen. Aber der Lotus ist schon eine Versuchung. Nur Vorsicht: Rechtslenker! Ansonsten gibt’s noch ne Casio-Uhr mit eingebautem Telex. Für die Spätgeborenen: Telex war so was wie ein frühes Fax, nur dass … Was ein Fax ist? Ok, also so was wie eine SMS … Was eine SMS ist? Ihr verarscht mich doch!

Kinderzimmer-Konflikte
Red Notice: Es stimmt schon: Eigentlich geht es hier um nichts. Ein paar selbsternannte Meisterdiebe jagen drei goldenen Eiern hinterher mit der Aussicht auf reiche Belohnung am Ende. Das verspricht zwar den einen oder anderen milden Twist. Aber letztlich bleibt das bunte Treiben für alle Beteiligten genau das, nämlich ein Spiel. Und genauso ernsthaft bzw. ernstlos gehen sie ans Werk. Das ist gefällig anzuschauen, nicht wirklich nervenkitzelnd. Allerdings muss man auch ganz wertfrei feststellen: Welcher Heist-Film verhandelt einen ernsthaften übergeordneten Konflikt? Wie Rick & Morty schon feststellten: Es geht um den Heist an sich als reinen Selbstzweck.
Der Spion, der mich liebte: Auch da war James Bond nah dran am Zeitgeist: Die 70er waren die Zeit der Dystopien. Es war nämlich die Zeit des Club of Rome, in der erstmals Umweltzerstörung und Überbevölkerung verhandelt wurde. Der Bösewicht verfolgt deshalb den Plan, die Erdbevölkerung zu dezimieren und auf dem Meeresboden neu anzufangen. Von solch Kleinigkeiten wie einem Genozid abgesehen eigentlich ein hehres Ziel. Es geht also um was. Allerdings lässt sich Bond nicht aus der Ruhe bringen und verliert nie das verspielte Lächeln im Gesicht. Richtig ernst wird das alles nie, wohl auch weil sich so das Spielzeug zum Film leichter verkaufte.

Die Ausstattung
Red Notice: Solide, aber mehr auch nicht. Was auffällt: Es gibt zwar ein Museum in Rom, ein Loft auf Bali, eine Stierkampfarena, eine Villa in Valencia, einen russischen Knast in den Bergen, einen alten Nazi-Bunker in Argentinien. Aber: Sonderlich spektakulär fallen die Kulissen nicht aus. Sondern immer erstaunlich klein. Und mit dem Dünkel von Studiobauten, ob nun physisch oder per Greenscreen. Mag aber auch an den Produktionsbedingungen im Corona-Jahr 2020 liegen.
Der Spion, der mich liebte: Zwei Worte: Ken. Adam. Eine Legende unter den Film-Architekten. Gebürtiger Berliner, wa! Er durfte diverse Bond-Bösewicht-Bunker (Fachsprech: BBB) designen als in Edelstahl gewandeten Größenwahn. So auch hier. Da gibt es zum Beispiel einen Ölktanker, der gerne U-Boote verschluckt. Oder eine Unterwasser-Basis im unverkennbaren Retro-Futurismus der 70er Jahre. Nur sollte man dabei nicht vergessen: Das Innenleben spielt sich auch im Studio ab.
Die Schauplätze
Red Notice: Rom, Sizilien, Greenscreen. Ja, richtig. Der Albtraum eines jeden Filmfans im mittleren Alter. Das Hassobjekt. Man muss zugeben: Viele Hintergründe sind am Computer entstanden. Man muss ebenso zugeben: Manchmal sieht man das. Nicht immer, und wenn, dann sieht es auch nicht schlimm aus, sondern ganz atmosphärisch. Viel mehr Rumgereise ging halt nicht im Corona-Jahr. Kann man sich drüber aufregen, muss man aber nicht.
Der Spion, der mich liebte: Kleckert nicht, sondern klotzt. Großbritannien, Kanada, Bahamas, Schweiz, Italien, Malta, Ägypten und Japan – der James kommt mehr rum als die Crew vom ZDF-Traumschiff. Großer Pluspunkt für den gemeinen Mittvierziger: Die Hintergründe sind meistens echt. Aber ein Minuspunkt für den objektiven Filmkritiker: Die Hintergründe fungieren auch nur als Postkarte. Das bietet etwas Exotik, mehr aber auch nicht.
Die Klamotten
Red Notice: Dwayne Johnson hat hier optisch aus seinen Jumanji-Filmen rübergemacht und trägt die üblichen Abenteurer-Hemden, die er auch bis kurz vor dem Zerreißen ausfüllt. Ryan Reynolds trägst Hipster-Schick, wobei besonders seine Sonnenbrillen ganz zu Beginn positiv auffallen. Die haben Stil. Ich tippe darauf, das ist das Modell Lemtosh der Marke Moscot. Taucht an Promis in Filmen mindestens so häufig auf wie Belstaffs. Hingucker: Gal Gadot im kleinen Roten mit angewinkeltem Bein. Und Interpol-Agentin Ritu Arya kann sich mit schusssicherer Weste auch sehen lassen.
Der Spion, der mich liebte: Rote Uniformen mit rosafarbenen Hemden? Ernsthaft? Ok, 70er hin oder her. Aber wenn ich bei einem Bösewicht anheuern würde, würde ich so etwas trotzdem nicht anziehen. Wer hat denn Curd Jürgens da beraten bei der Ausstattung seiner Privat-Armee? Sowieso: Wer fertigt eigentlich solche Klamotten für Bond-Bösewichte? Engelbert Strauss? Die Frage muss mal gestellt werden! Ansonsten fällt noch auf, dass Bonds Smoking miserabel sitzt. Wenn Bond zum Schäferstündchen mit Triple X ansetzt, bauscht es obenrum aber arg, da hätte der Roger mehr trainieren dürfen.
Die Effekte
Red Notice: CGI. Das böse Wort. Ich schreib’s noch mal: CGI. Ja, Gottchen, gewöhnt euch dran, das ist heutzutage das Mittel der Wahl. Beliebter Vorwurf: Das sieht künstlich aus. Stimmt hier nur zum Teil, zuweilen macht sich ein kleiner Bruch mit den realen Szenen bemerkbar, aber in einem Maße, das … naja, das nicht ernsthaft wehtut, außer man versteift sich drauf. Ansonsten sind die Effekte ganz solide, ein CGI-Stier sieht ein bisschen comichaft aus, eine Verfolgungsjagd mit Autos ist computerverstärkt. Reynolds aber ist echt und sieht auch comichaft aus. So what?
Der Spion, der mich liebte: Retro-Fans müssen jetzt ganz stark sein: Modelle. Was zunächst vielleicht gut ist, aber man erkennt sie auch als Modelle. Jederzeit. Selbst auf DVD mit der gröberen Auflösung. Curd Jürgens‘ großen Tanker mit kleinen Plastikmännchen auf Deck zum Beispiel. Oder seine Unterwasser-Station mit kleinen Plastikgerüsten, aber gelungenen Matte Paintings. Hinzu gesellen sich noch reichlich Szenen mit Rückprojektion, vor allem in Moores „Actionszenen“. Aber jetzt komm mir niemand damit, Plastik und Rück-Pro hätten „Seele“.
Male / Female Empowerment
Red Notice: Machen wir uns nichts vor, hier haben die Frauen die Hosen an. Auch wenn sie gerne knappe Klamotten tragen. Während Ryan Reynolds und Dwayne Johnson von einem Plotpunkt zum nächsten stolpern und sich dabei zum Affen machen, hat Gal Gadot jederzeit den Durchblick. Und sieht dabei auch noch hinreißend aus. Hinzu gesellt sich Ritu Arya als besagte Interpol-Beamtin, zwar etwas glücklos bei der Heldenjagd, aber immerhin hören lauter schwerbewaffnete Kerle auf ihr Kommando. Wermutstropfen für die Damenwelt: Die Hauptrolle spielen trotzdem die beiden Kerle. Insofern ist das eigentlich eine Buddykomödie. Wie altmodisch aber auch …
Der Spion, der mich liebte: Ganz ehrlich? Es ist schon ein bisschen peinlich, wie Bond hier im Minutenrhythmus über die Frauenwelt – Pardon! – rüberruckelt und eben jene auch noch reihenweise dahinschmelzen. Emanzipatorischer Ansatz: Barbara Bach spielt Russlands beste Agentin mit Codename Triple X (sic!). Aber es bleibt bei dem Ansatz, denn beim Anblick vom guten James wird auch sie schwach. Dabei war Moore knapp 20 Jahre älter als Bach. Deren Aufgabe reduziert sich am Ende darauf, ihr nasses Dekolleté zu zeigen. Wermutstropfen für die Männerwelt: Die meisten Frauen, die vorgeblich in Bonds Armen dahinschmelzen, trachten ihm nach dem Leben.
Die Musik
Red Notice: Der Score von Steve Jablonsky ist zweckmäßig. Mehr nicht. Aber auch ganz launig. Es scheint seit einigen Jahren ein ungeschriebenes Gesetz zu herrschen, das besagt: Heist- und Spionagekomödien haben mit ordentlich Percussion und Streicherläufen unterlegt zu sein. Letztlich sind das, wenn man genau hinhört, immer wieder Variationen von Lalo Schifrins legendärem Mission: Impossible-Thema. Was gibt es noch? Ein Meta-Moment: Wenn Johnson und Reynolds mitten im Dschungel den Nazibunker betreten, pfeift Letzterer das Indiana Jones-Thema. Klarer Pluspunkt.
Der Spion, der mich liebte: Der Score von Marvin Hamlish ist ein Kind seiner Zeit. Soll heißen: Eigentlich gibt es Bond-Musik im bekannten John Barry-Stil. Aber leider angereichert durch zeitgenössische Disco-Sounds. So mit Rhythmus-Gitarre und fetzigen „Piuuu“-Effekten aus frühen Synthesizern. Was aber besonders nervt: Sobald im Film die Action einsetzt, gibt es auch sofort musikalische Grüße von der Tanzfläche. Spannungsaufbau Fehlanzeige. Ein Meta-Moment: Bond und Triple X wandern durch die Wüste, unterlegt mit Maurice Jarres Musik zu Lawrence von Arabien.
Indiana Jones
Das unerreichte Original: Indiana Jones. Jawohl, alle vier Filme! An die Werke von Steven Spielberg und George Lucas hat noch kein Nachahmer herangereicht. Obligatorischer Disclaimer: Indy ist natürlich auch nicht Original, sondern verwurstet zahlreiche Motive aus klassischen Abenteuerfilmen und -Serials.
Bonuspunkte
Red Notice: Der Sonderpreis geht an die Band bei der Party in der Villa des Bösewichts. Besonders an die Violinistin mit dem rhythmisch zuckenden Kopfschmuck. Was noch? Na, vielleicht ein persönlicher Bonuspunkt: An einer Stelle wird nicht nur die Indiana Jones-Musik gepfiffen. Vielmehr läuft gleich die gesamte Autoverfolgungsjagd am Ende so ab wie die Autoverfolgungsjagd im Dschungel bei Indiana Jones 4. Aber ok, der wird ja von den „Fans“ gehasst, also nur für mich ein Bonus. Ansonsten vielleicht der Kampf von Gal Gadot gegen Dwayne Johnson und Ryan Reynolds. Der ist schon ganz launig, Gadot sieht toll aus, und dass die Dame unrealistischerweise gegen zwei gut trainierte Kerle bestehen kann, wird am Ende sogar einigermaßen logisch erklärt.
Der Spion, der mich liebte: Der Sonderpreis geht an den Matrosen gleich zu Beginn. Der mit der heftigsten Akne, die je bei einem Matrosen im Film zu sehen war. Apropos Matrosen: Die U-Boot-Besatzung der Engländer darf am Ende zu großer Form auflaufen. Es ist selten, dass eine Horde Statisten so etwas wie eine Persönlichkeit entwickelt. Aber die Typen hier kriegen genug Raum, um die harten Kerle von der Marine mimen zu dürfen. Das verströmt so ein bisschen Feeling von Moores anderem Film von Ende der 70er: Sprengkommando Atlantik. Was noch? Zum Beispiel, dass dieser Bond seiner Zeit weit voraus war: Wir schreiben das Jahr 1977, und Engländer wie Russen üben politische Entspannung. In der Realität startete Gorbatschow die Perestroika erst 1986.
Der mit den Bausteinen spielt

Ok, ok: Der Vergleich ist ganz schön hingebogen. Wenn man Red Notice unbedingt vergleichen wollte, dann böten sich andere Filme an. National Treasure zum Beispiel, also die Indiana Jones-artige Hatz mit Nicolas Cage. Der ist von der Dimensionierung und Machart recht ähnlich, natürlich mit mehr realen Schauplätzen. Oder auch Hudson Hawk, diese leicht debile, aber liebenswerte Heist-Abenteuer-Extravaganz mit Bruce Willis, die in den frühen 90ern so manche Action-Exzesse aus den Folgejahren vorweggenommen hatte. Nur dass da noch gesungen wurde. Oder einer der Robert Langdon-Filme mit Tom Hanks, die auch zu einer Schnitzeljagd à la Indy einluden. Und natürlich Mission: Impossible, der erste von 1996 mit dem Einbruch in das CIA-Hauptquartier.

National Treasure
Nicolas Cage – Indiana Jones der Nuller Jahre. Die beiden National Treasure-Teile, die Jerry Bruckheimer für Disney produziert hatte, sind schon sehr amüsant und gut besetzt. Dass es bis dato nie einen dritten Teil gegeben hat, ist eines der großen Versäumnisse des Popcorn-Kinos.

Allerdings ist Red Notice ein Film von Regisseur Rawson Marshall Thurber. Wenn man sich dessen Filme anschaut, dann könnte man eigentlich am laufenden Band Vergleiche anstellen. Wir erinnern uns an dessen Film Skyscraper, ebenfalls mit Dwayne Johnson, der ein waschechter Klon war von Stirb langsam. Und von Flammendes Inferno. Davor hat Thurber Central Intelligence gedreht, wieder mit Dwayne Johnson, und auch wenn der Film nicht sonderlich intelligent war, so war er eine Geheimdienst-Komödie. Und davor gab es Wir sind die Millers, ein Road Movie im Stil der Familie Griswold. Alles nicht weltbewegend, alles schon aus anderen Filmen bekannt, aber trotzdem ganz kurzweilig. Wenn man so will, ist Thurber einer, der gerne mit bewährten Bausteinen spielt.

Robert Langdon
Robert Langdon – irgendwie auch Indiana Jones, nur mehr Schnitzeljagd und weniger Faustkampf. Und mit Tom Hanks ganz passend besetzt, aber der passt ja irgendwie überall rein.
Mehr als die Summe der Teile

Aber darum geht es gar nicht. Vielmehr darum: Alte Filme sind für die „Fans“ in der Regel mehr als die Summe ihrer Teile. Die hat man in der Kindheit gesehen, die sind vertraut, da ist eine wohlige Schicht Staub und Patina oben drauf. Neue Filme dagegen zerlegen die „Fans“ gerne in ihre Einzelteile. Szenen mit CGI zum Beispiel, und seien sie noch so kurz, oder Sprüche von Ryan Reynolds. Hinzu kommt: Als „Fan“ hat man 30, vielleicht 40 Jahre lang schon so viel gesehen, dass man eben schon alles gesehen hat. Ein Filmchen wie Red Notice mag sündhaft teuer sein, kann dem geübten Auge aber wenig Neues bieten. Nett, launig, harmlos, nicht schlecht, aber auch nicht gut, mal ein bisschen zu aufgeregt, mal ein bisschen zu albern, tut aber auch nicht weh. Dabei ließe sich ein von den Jahren geadelter alter Bond-Film genauso zerlegen.

Außerdem hege ich inzwischen eine Theorie. Die ist nicht neu und auch nicht komplex. Aber sie besagt: Es macht eben doch einen Unterschied, ob ein Film zuerst auf der großen Leinwand im Kino wahrgenommen wird oder auf dem Flachbildschirm, und sei er noch so groß, im Pantoffelkino. Filme im Kino, so sind wir noch aus alten Zeiten gewohnt, werden mit immensem Marketing-Aufwand auf den Markt gewuchtet. Im besten Fall bildet sich schon weit im Voraus ein „Will ich sehen“-Gefühl, eine Wartezeit, an deren Ende ein Event steht, ein Hype. Event-Movie halt. Ein Film im Netflix-Stream dagegen kündigt sich vielleicht durch ein paar Trailer an, die jeder ganz individuell wahrnimmt, aber nicht in der Gruppe. Und dann ist der Film eines Tages einfach da. Auf Knopfdruck.

Mission: Impossible
Moderner Agenten-Klassiker: Seit 1996 bringt die Mission: Impossible-Reihe mit Tom Cruise in der Hauptrolle den guten alten James Bond ganz schön ins Schwitzen. Legendär die Heist-Szene mit dem Einbruch ins CIA-Hauptquartier im ersten Film.
Früher war alles besser?

Da gibt es kein „Will ich sehen“. Sondern ein „Ich kann ja mal reinschauen„. Ganz zu schweigen von: „Ich mach mal Pinkelpause“, „Ich surfe mal nebenbei im Internet“ und „Ich klicke mal eben zwischendurch in diese neue Serie bei Disney+ rein“. Ein Event ist das nicht gerade. Und Begeisterung fürs Medium sah auch mal anders aus, egal ob da nun ein Arthouse-Meisterwerk lief oder ein Popcorn-Streifen mit Plastik-Appeal. Das wird „mitgenommen“ und ist zwei Streaming-Serien später auch schon wieder vergessen.

Aber ok, man muss es auch nicht überdramatisieren. Red Notice ist – wie gesagt – kein Shakespeare. Genauso wenig wie der Moore-Bond Shakespeare war und ist. Es ist Futter für die Masse, viel fürs Auge, wenig fürs Hirn. Aber damit ist es auch nicht anders als vieles, was in den vergangenen Jahrzehnten so als Popcorn-Kino reüssierte. Da malt die Erinnerung vielleicht nur mit güldenen Farben.

Bond Fotografien
Der Roger sah aber mal gut aus! Sehr lohnend ist – natürlich neben dem Booklet der DVD – der dicke Bildband mit Fotografien von Terry O’Neill. Schöne Zeitreise zurück zu Goldfinger oder Live and let die. Mit Grußworten von George Lazenby und Jane Seymour.

Red Notice: Der Film hat ein Pfund, mit dem er wuchern kann: drei gut aufgelegte Filmstars. Ansonsten gibt es viel Augenzwinkern in Richtung bekannter Vorbilder von Indiana Jones bis Mission: Impossible. Und auch wenn Red Notice nie deren Klasse erreicht, auch nicht ansatzweise, so ist er ganz kurzweilige Unterhaltung. Sofern man Ryan Reynolds mag. Und bei CGI nicht automatisch Pusteln kriegt. Höhepunkte sind drin, nur mehr Ecken und Kanten hätten gutgetan.
Bewertung: 6 / 10

James Bond – Der Spion, der mich liebte: Der Film hat auch ein Pfund zum Wuchern: sein Alter. Nostalgie gibt beim mittelalten Filmfan einen Extra-Punkt. Allerdings muss man anerkennen: Die Macher brennen hier ein ganz gutes Feuerwerk ab, allein die Verfolgungsjagd mit dem Lotus oder der Ski-Sprung vom Berg. Bond kommt rum. Dem gegenüber stehen ein sprücheklopfender Super-Spion, der im eigenen Klischee vom virilen Alpha-Männchen gefangen ist, veraltete Tricks und viel 70er Jahre-Kitsch. Muss man auch mögen.
Bewertung: 7 / 10

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