Metoo im Mittelalter – war es vielleicht dieses Etikett, das aus The Last Duel von Ridley Scott einen riesigen Kinoflopp gemacht hat? Zugegeben: Der Ansatz ist diskussionswürdig. 

Sir Ridley schwingt den Hammer. Zunächst den Kriegshammer, und das heftig! Da setzt es Matsch und Nebel, Dreck und Blut. Da rennen zwei Heere gegeneinander an, werden Kehlen durchstochen, Köpfe zerschlagen und Gliedmaßen wenig sachgerecht mit der groben Hacke abgetrennt. Erde spritzt hoch, Wasser auch, Körpersäfte sowieso. Und es krachen Schwerter aufeinander, krachen Rüstungen gegeneinander und krachen Knochen auseinander. Das Schlachtengemälde ist so schmerzhaft schön und faszinierend, das es beinahe spürbar wird. Und die Töne dazu schmatzen und klirren tatsächlich bis ins Mark. Da gehen die Menschen aufeinander los wie Berserker und da werden keine Gefangenen gemacht.

The Last Duel Ritter Kampf
Achtung, in diesem Foto versteckt sich Adam Driver. Nur nicht als Junker Le Gris aus The Last Duel. Sondern als Kylo Ren aus Star Wars. David hat mit dem gewohnt guten Foto ausgeholfen, weil es Ridley Scotts Historien-Drama noch nicht auf physischem Datenträger gibt. Und dafür hat er dem bösen Sith-Lord einen Ritter-Helm aufgesetzt.

The Last Duel ist ein Film von Ridley Scott. Das brachiale Getümmel trägt unverkennbar die Handschrift des 84-jährigen Regieveterans. Niemand inszeniert altmodisches Kampfgeschehen mit Schwert und Pieke und Hacke und Pfeil und Bogen so brachial wie er, niemand kann so virtuos den Kriegshammer kreisen lassen. Doch The Last Duel ist kein mittelalterlicher Kriegsfilm. Das anfängliche Hacken, Hauen und Stechen ist zwar gewohnt eindrucksvoll, aber der Konflikt im Film ist kein kriegerischer, sondern ein intimer. Es geht um zwei Junker, einst zwei Freunde, der eine aber vergewaltigt die Frau des anderen, das behauptet sie jedenfalls, und so kommt es zum Duell. Zum Gottesurteil: Wer gewinnt und am Leben bleibt, der hat Recht. Und so wird auch am Ende noch mal gehackt und gepiekt.

Der neuzeitliche Subtext

Scott baut gerne einen neuzeitlichen Subtext in seine Historienfilme ein. Und im Fall von The Last Duel ist der moderne Bezug klar ersichtlich: Es soll um die Unterdrückung und schließlich um die Selbstermächtigung einer Frau in einer männlich dominierten Welt gehen. Immerhin, so vermittelt der Film, gilt die Ehefrau in diesen rüden Zeiten gewissermaßen als Eigentum, und die Vergewaltigung beschädigt zunächst einmal die Ehre des Mannes und dann an zweiter Stelle die Seele und den Leib des Opfers. Die Frau verschweigt die Vergewaltigung aber nicht einfach aus Sorge vor noch härteren Konsequenzen. So wie das viele ihrer Geschlechtsgenossinnen vor ihr schon getan haben, das wird ihr jedenfalls von der spröden Schwiegermutter vorgehalten. Sondern sie erhebt ihre Stimme und fordert Gerechtigkeit ein.

Ben Affleck hat zusammen mit seinem alten Spezi Matt Damon und mit Verstärkung von Nicole Holofcener das Drehbuch geschrieben. Und wie Affleck in einem Interview zu Protokoll gegeben hat: Die Geschichte, die er da mitverfasst hat, soll eine Erforschung der Wurzeln der Frauenfeindlichkeit sein. Was auch immer ihn dazu bewogen haben mag, ausgerechnet ihn, der in die Weinstein-Affäre verwickelt war, sein Skript passt jedenfalls perfekt in den Zeitgeist, der da lautet: Empowerment. Natürlich von Frauen. Das mag zunächst sehr ehrbar klingen, vielleicht sogar recht reizvoll, mal zu schauen, wie man das Thema so vor knapp 700 Jahren angegangen ist. Das Skript setzt das nur leider allzu plump um: Metoo im Mittelalter, das fängt vielleicht mit dem Kriegshammer an, greift dann aber irgendwann zum Holzhammer.

Das große Vorbild Rashomon

Das Drehbuch gönnt sich einen Kniff: Es erzählt die Geschichte dreimal, erst die Perspektive des Ehemannes, gespielt von Matt Damon, dann des vermeintlichen Vergewaltigers, gespielt von Adam Driver, und schließlich der Ehefrau, gespielt von Jodie Comer. Wem das bekannt vorkommt: Ähnlich ging das auch schon 1950 in Rashomon von Akira Kurosawa vonstatten. Dort macht sich ein Bandit über die Frau eines Samurai her und bringt den Ehemann dann auch noch um. Zumindest wird ihm das vorgeworfen. Und auch dort folgen drei Geschichten, erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten. Was den Reiz bei Rashomon ausmacht: Es geht gar nicht mal so sehr darum, ob einer oder eine die Wahrheit sagt. Die Frage ist vielmehr, ob es so etwas wie eine objektive Wahrheit überhaupt gibt. Die darf der Zuschauer für sich selbst beantworten.

The Last Duel / Darum geht’s: Frankreich gegen Ende des 14. Jahrhunderts: Die beiden Freunde Jean de Carrouges und Jacques Le Gris entfremden sich im Laufe der Jahre immer mehr: Während Le Gris am Hofe seines Fürsten Pierre d’Alençon Karriere macht, fällt de Carrouges in Ungnade. Als dessen Frau Marguerite de Carrouges behauptet, von Le Gris vergewaltigt worden zu sein, fordert der seinen Widersacher zum Duell. Ein Gottesurteil soll zeigen, ob die Frau die Wahrheit spricht. – Das Duell ist übrigens historisch belegt und fand am 29. Dezember 1386 statt. So basiert The Last Duel auch auf dem Buch The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France des Autors Eric Jager. Der besondere Kniff im Film: Der erzählt seine Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der drei Hauptfiguren. 
Vom Kriegshammer zum Holzhammer

Ganz so transzendental wird The Last Duel nicht. Nicht mal ansatzweise. Am Ende hat die geschändete Ehefrau das letzte Wort, und nur ihr wird die wirklich wahre Wahrheit zugesprochen. Das ist recht eindeutig: Jede der gebotenen drei Erzählfassungen wird eingeleitet mit dem Schriftzug: „The truth according to …“. Doch nur bei der dritten Geschichte, eben der weiblichen Version, da verharren die Worte „The truth“ noch kurz im Bild. Offensichtlicher geht es nicht. Und dass der Film seinem Zuschauer hier keinen Raum lässt für Zweifel, für Ambivalenz und für Diskussion, das gerät dramaturgisch zur großen Schwäche. Warum? Nun …

Die ersten anderthalb Stunden des Film erzählen die Männer. Ihre eigene Wahrheit. Aus Männersicht. Matt Damon gibt den grobschlächtigen Jean de Carrouges, und der erzählt eine Geschichte vom tapferen, aber von seinem Fürsten verkannten Krieger, der seine Frau liebt und das Unrecht natürlich rächen will. Nicht aus Vergeltung, nicht aus Hybris, sondern natürlich der Ehre und Gerechtigkeit wegen. Insofern erzählt dieses erste Kapitel vielleicht auch die sympathischste Geschichte, folgt sie doch dem üblichen Klischee vom großen Helden, sogar mit ein bisschen dramatischer Reibung. Das ist die Wahrheit des Ehemanns.

Leider viel zu einfach
The Last Duel weiblicher Ritter
Man mag es nicht glauben: In der Löwenrüstung steckt ein weiblicher Ritter. Die Figur stammt aus der Reihe Mythic Legions, einer recht ausufernden Fantasy-Reihe. Immerhin emanzipiert, gewissermaßen.

Adam Driver gibt den gewandten Jacques Le Gris, der sich als schlauen Höfling und charmanten Frauenhelden gibt. Er erzählt davon, wie zwischen ihm und der besagten Dame eine unmögliche Romanze zu keimen beginnt. Die nur ehrlich und rechtens ist, da der grobschlächtige Ehemann kaum einen Sinn für seine gebildete Frau besitzt. Le Gris aber schon. Der ist schlau, ein gewandter Verführer und auch ein verschlagener Liebhaber, so wie er sich den fraglichen Geschlechtsakt vorstellt. Insofern ist ist das zweite Kapitel vielleicht auch das faszinierendste, hat es doch keinen per se schlechten, sondern recht ambivalenten Charakter als Hauptfigur. Das ist die Wahrheit des vermeintlichen Vergewaltigers.

Dann folgt die Wahrheit von Jodie Comer, der Marguerite de Carrouges. Wohlgemerkt noch immer nach anderthalb Stunden. Und ihre Geschichte handelt von einem selbstbezogenen Ehemann, von einem brutalen Vergewaltiger und natürlich von ihrer eigenen Unterdrückung, die sie zunächst schweigend und anmutig hinnimmt. Bis eben zur Vergewaltigung. Insofern ist das dritte Kapitel vielleicht die einnehmendste Geschichte, hat sie doch eine aufrechte Frau als Hauptfigur, die sich nicht brechen lässt. Das alles funktioniert auf der emotionalen wie auf der ästhetischen Ebene. Nur leider ist es fatal, weil es es den ersten zwei Dritteln der Handlung jegliche Relevanz raubt. Und: Es ist erzählerisch viel zu einfach.

Warten auf den Twist

Der Zuschauer wartet bis zum Schluss auf einen letzten großen Twist. Auf eine eigentlich notwendige Raffinesse. Etwa dass die Frau die Vergewaltigung doch erfunden hat, um die beiden Alpha-Männchen aufeinander zu hetzen, die gesellschaftliche Ordnung gegen sich selbst zu wenden und so dem Ehekäfig zu entfliehen. Oder dass der Film auf die eindeutige Klärung der Vergewaltigung verzichtet und letztlich alle drei Erzählungen gleichberechtigt (sic!) nebeneinander stellt. Dann könnte der Zuschauer auch nach dem Abspann noch rätseln, wer denn nun die Wahrheit gesagt hätte und ob die Wahrheit überhaupt ausgesprochen wurde.

Diese Optionen lässt der Film leider nicht zu. Was schade ist, denn letztlich kann man zu dem Schluss kommen, dass jeder und jede der Beteiligten die Wahrheit erzählt. Zumindest „ihre“ Wahrheit. Das wird besonders deutlich am Beispiel Le Gris: Der behauptet bis zum finalen Duell und dort selbst im Moment der höchsten Not, dass er keine Vergewaltigung begangen hat. Dass es so war, wie er erzählt hat. Und auch de Carrouges nimmt man durchaus ab, dass er sich für einen großen, aber missverstanden Macher hält. Zumal er am Ende – ob nun Alpha-Mann oder Frauenversteher – seine Ehefrau durch das Duell retten muss. Doch letztlich lässt der Film an beiden kein gutes Haar.

Bittere Ironie oder purer Ernst?
The Last Duel Kreuzritter
Ein Kreuzritter? Kommt bei Ridley Scott auch vor, allerdings in Kingdom of Heaven. Nur am Rande: Eigentlich Scotts bester Historienfilm, natürlich im DC, noch vor Gladiator. Oder?

Vor dem Abspann wird erzählt, dass der grobe Ehemann wenige Jahre nach dem Gottesurteil auf einem Kreuzzug gefallen sei, die Frau aber noch 30 Jahre weitergelebt habe. Das wirkt zunächst vielleicht wie eine späte Genugtuung der Missbrauchten. Bei genauerem Hinsehen entbehrt es aber nicht einer gewissen Ironie: Denn erstens lebt die Frau fortan privilegiert nur aufgrund von Ehe und Vermögen ihres Mann – während sich für alle anderen Frauen nichts ändert. Und zweitens bleibt sie dort auf die Rolle der Mutter reduziert. Also auf die Rolle, die ihr qua Heirat von Anfang an zugedacht gewesen war.

Wenn es Affleck & Co. bei ihrem Drehbuch um diese bittere Ironie gegangen war, dann Hut ab. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass es den Machern doch und vor allem um eine Empowerment-Geschichte gegangen ist. Dazu malt sie auch zu sehr in Schwarz und Weiß. Denn die Gesellschaft mag damals männlich dominiert gewesen sein. Dabei aber wird ausgeblendet, dass auch in der damaligen Gesellschaftsordnung nicht wenige Frauen beträchtlichen Einfluss und große Macht erlangen konnten. Etwa durch Heirat oder durch den Eintritt ins Kloster, man nehme nur mal das Beispiel Hildegard von Bingen. Aber sei es drum.

Alien vs. Mittelalter

Der Feminismus bei Scott ist eigentlich immer dann am besten, wenn er nicht auf einem Banner weht, so wie die Banner auf seinen filmischen Schlachtfeldern. In Alien etwa, wo Sigourney Weaver als Jungschauspielerin den etablierten Star überlebt und das Monster besiegt. Oder in Thelma & Louise, wo Susan Sarandon und Geena Davis aus ihrem braven Hausmütterchen-Leben ausbrechen und gegen die Konventionen kämpfen. Wenn man so will auch in G. I. Jane, wo Demi Moore mehr einarmige Liegestütze hinbekommt als Viggo Mortensen. Oder in Blade Runner, wo der gute Harrison Ford ohne seinen Blaster keine Chance gehabt hätte gegen Darryl Hannah und Joanna Cassidy. Diese Geschichten hatten den Holzhammer gar nicht so nötig, um von starken Frauenfiguren zu erzählen.

Ein bisschen arg viel freie Interpretation gefällig?


The Last Duel hat drei Erzählebenen. Der sich zum Vergleich anbietende Rashomon hat derer vier. Dort gesellt sich zu den subjektiven Erzählungen der Protagonisten noch eine relativ objektive Ebene eines Holzfällers, der das Geschehen beobachtet hat. Und dessen Schilderungen lassen alle Beteiligten in einem schlechten, unwürdigen Licht erscheinen. Was wäre nun wenn … der bei The Last Duel allein auf der Leinwand verbleibende Schriftzug „The Truth“ tatsächlich für sich stehen und eine vierte, objektive Perspektive aufmachen soll? Schließlich geht es um ein Gottesurteil, was vermuten lassen könnte, dass es um eine übergeordnete Erzählperspektive gehen soll, die der Erzählung Marguerites folgt: nämlich mit Blick auf das Duell selbst. Le Gris beteuert dort bis zum Schluss, dass er unschuldig ist. De Carrouges lässt dort bis zum Schluss keine Gnade walten. Und seine Frau hofft dort, selbst dem Tod entkommen und als Mutter mit ihrem Kind leben zu können. Aber ok, das führt vielleicht etwas weit. Ridley Scott hat in einem Interview recht rüde klargestellt, dass die dritte Version die richtige ist (s. u.). Schade.

Lebendige Vergangenheit
The Last Duel weiblicher Ritter
Authentisch ist das nicht: Die Löwen-Rüstung ist allenfalls angelehnt an reale Rüstungen, aber ansonsten Fantasy. Und überhaupt: ein weiblicher Ritter?!?! Hier jetzt bitte einen Zwinkersmiley hinzudenken …

Ridley Scott kann sich noch einen weiteren Verdienst auf die besagten Fahnen schreiben: Seine Historienfilme sind einzigartig. Faszinierend. Gegenwärtig. Wenn Scott vergangene Zeiten einfängt, dann sind die Bilder nicht einfach Kulisse und Staffage. Dann atmen sie regelrecht. Zugegeben: Meist sind sie trist, nass, kalt und dreckig. Bei Scott scheint selten die Sonne. Aber dass sie so einnehmen, das liegt vielleicht gerade daran, dass der Regisseur und seine Autoren gerne besagten modernen Subtext in den jeweiligen Film einweben.

Königreich der Himmel etwa bietet ebenfalls beeindruckende, beinahe schon größenwahnsinnige Schlachtenszenen. Aber das Kreuzzugs-Epos handelt im Kern von der Verständigung zwischen und dem Respekt vor den Kulturen. Das war zu seiner Entstehungszeit in den Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erstaunlich aufgeklärt und beinahe schon mutig. Weniger mutig, aber genauso modern wirkt Scotts Robin Hood, der neben allerlei Dreck und Blut die Sage vom britischen Volkshelden mit der Entstehung der Magna Charta verbindet.

Knapp am Meisterwerk vorbei

The Last Duel dagegen hat auch so eine gutgemeinte Geschichte. Nur leider ist sie schwächer – was umso tragischer ist, als dass Damon, Driver und Comer mit reichlich Spielfreude dabei sind. Hätte der Film seinem Zuschauer aber noch selbst das Denken überlassen, dann hätte etwas wirklich Großes gelingen können.

Fazit: Gut gemeint, gut umgesetzt, trotzdem nicht gut gemacht: Ridley Scotts The Last Duel bewegt sich optisch auf ähnlich hohem Niveau wie seine übrigen Historien-Epen und weiß zu faszinieren. Leider geht es dem Drehbuch um eine allzu zeitgeistige Message in Sachen Empowerment und macht dabei einen entscheidenden dramaturgischen Fehler. Als Zeitreise wunderbar, als Lehrstunde leider zu platt.
Bewertung: 7 / 10

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