Musketiere und Martial Arts? Das sorgte im Jahr 2001 vor allem für eine Reaktion: WTF?!? Und trotzdem: The Musketeer macht auch Laune. Irgendwie…

Im Fall von The Musketeer muss ich einen kleinen Disclaimer voranstellen: Ich bin ein Peter Hyams-Fan. Schon seit vielen, vielen Jahren. Ich mag die direkte und schnörkellose Art, wie er seine Geschichten erzählt. Und ich mag die stimmungsvollen Bilder und die dynamische Inszenierung, die Hyams als Regisseur und Kameramann in Personalunion findet. Noch dazu hat er einige meiner All-Time-Favourites gedreht, angefangen mit der losen Sci-Fi-Trilogie Capricorn One – Outland – 2010. Insofern kann ich, rein subjektiv natürlich, nichts wirklich Schlechtes auf den Mann und seine Arbeit kommen lassen. Tja, und The Musketeer ist halt ein Peter Hyams-Film.

Einfluss aus Fernost

Der „Clou“, wenn man ihn denn so nennen will, an der x-ten Interpretation des Musketier-Stoffs besteht darin, Mantel und Degen mit Martial Arts zu mixen (s. Kasten). Da mag man spontan zum Facepalm ansetzen. Aber man muss The Musketeer zugute halten, dass er das Konzept immerhin konsequent angeht: Es dauert nicht lange, da mutiert Nachwuchs-Musketier d’Artagnan zum Furious Frenchman und rauft sich mit bösem Gesindel. Und zwar als Degen-schwingender Wirbelwind mit fernöstlichen Tricks im Handgepäck. Dabei fällt übrigens auf, dass die verspielten Ideen und artistischen Einlagen extrem an die überkandidelten Kampfszenen aus den Fluch der Karibik-Filmen erinnern. Denn so oder so ähnlich wie Justin Chambers hier über Fässer hüpft, an Wänden hochklettert und auf Leitern balanciert, turnen auch Johnny Depp und Orlando Bloom durch ihre Piraten-Szenerie.

Eigentlich nur ein logischer Schritt…


Die Idee mutet auf den ersten Blick wie purer Humbug an: Die klassischen drei Musketiere, gemixt mit Martial Arts. Da fasst sich jeder Fan des Romans und der alten Verfilmungen (von Gene Kelly bis Michael York) an den Kopf. Jedoch betriebswirtschaftlich – also rein auf dem Papier – ergibt das durchaus Sinn: Hollywood entdeckte in den 90er Jahren das Hongkong-Kino. John Woo, der „Mozart der Zerstörung“, zog nach Tinseltown und nahm mit seinem Heroic Bloodshed-Style einigen Einfluss in der Filmfabrik. Ihm folgten Kollegen wie Ringo Lam, Tsui Hark und Kirk Wong. Im Jahr 1999 boten die Wachowski-Geschwister mit The Matrix mehrere artistische Kampfeinlagen Marke Fernost. Und 2000 räumte Ang Lee mit dem Martial Arts-Epos Tiger and Dragon einige Oscars ab. Da wirkt der Kampfkunst-Musketier von 2001 eigentlich nur logisch. Übrigens: Im gleichen Jahr kam auch der französische Mantel- und Degen-Horror Pakt der Wölfe von Christophe Gans ins Kino. Dort durfte Mark Dacascos (als Indianer!) die Fäuste im Asia-Style fliegen lassen.

Ein Traum in Rot und Orange

Die eigentliche Stärke des Films tritt bei der ganzen Martial Arts-Sause leider ein bisschen in den Hintergrund: Es ist die Art, wie das Abenteuer gefilmt ist. The Musketeer ist rein visuell ein Traum in Rot und Orange. Peter Hyams hatte vor seinem Ausflug ins Mantel und Degen-Fach den Schwarzenegger-Film End of Days inszeniert und dabei scheinbar Gefallen an natürlichen Lichtquellen gefunden. Die Beleuchtung per Kerzen und Fackeln kommt nun beim Musketier vollends zum Tragen. Die funzelige Optik (positiv gemeint) passt auch ziemlich gut zum gesamten Flair des Films. Denn im Gegensatz zur Disney-Variante von 1993 entstand The Musketeer an Originalschauplätzen in Frankreich (und Luxemburg) mit deutlich authentischer anmutenden Kulissen.

„Oha!“, wird nun so mancher denken. „Wenn so lange über das Drumherum geschrieben wird, kann mit dem Inhalt doch etwas nicht stimmen.“ Nun, sagen wir es so: Für Story und Charaktere gewinnt The Musketeer keinen Preis: Das Drehbuch von Gene Quintano (Police Academy, Quatermain) liefert zwar ein paar nette Dialoge, ist aber leider recht oberflächlich geraten. Es ignoriert zu großen Teilen den Roman von Alexandere Dumas, reduziert die Hauptfigur D’Artagnan zum Actionhelden und degradiert die drei berühmten Musketiere zu besseren Statisten. Die Rolle des wahren Bösewichts übernimmt nicht Kardinal Richelieu, sondern Febre, der Mann in Schwarz – der in der literarischen Vorlage nicht explizit genannt wird. Tim Roth gibt diesen Widerling durchaus launig, doch überdreht er stellenweise ein wenig und erinnert dann an einen extrem schlecht gelaunten Captain Hook.

Weibliche Lichtblicke

Lichtblicke sind – wenn man die Originalgeschichte mal vergisst – die beiden Frauenfiguren im Film: Mena Suvari ist ein extrem süßes und gleichzeitig recht wehrhaftes Love Interest. Und Catherine Deneuve gibt die französische Königin betont warmherzig und selbstbewusst, auch wenn sie hier eigentlich unter ihrem Niveau spielt. Insofern bleibt festzuhalten: The Musketeer geht recht respektlos mit der großen Vorlage um und bietet somit reichlich Angriffsfläche. Als flotter und kurzweiliger Abenteuerfilm mit starker Optik taugt er aber allemal.

The Musketeer als Doppel-DVD
Drolliges Sammlerstück und Erinnerung daran, dass physische Datenträger keine gute Wertanlage sind: The Musketeer-Doppel-DVD im Digipack mit Lenticular-Cover, „streng“ limitiert auf 10.000 Stück und sogar mit Zertifikat für die Nr. 9.136. Anfang 2005 bereits für die exorbitante Summe von 7,99 Euro gekauft, heute liegt der Gegenwert eher im Cent-Bereich. Aus Sammlersicht eigentlich eine vorbildliche Veröffentlichung.

The Musketeer / Darum geht´s: Vielleicht kennt jemand diesen Spruch, der auf vielen Kinoplakaten steht: „Vergesst alles, was ihr zu wissen glaubt!“ Bei The Musketeer darf man das wörtlich nehmen. Denn mit der Geschichte von Alexandre Dumas hat die Filmhandlung nicht mehr viel zu tun. D’Artagnan kommt zwar nach Paris, ist dort aber sofort Herr der Lage und lässt die drei Musketiere alt aussehen. Er hat es weniger mit Kardinal Richelieu als vielmehr mit dessen außer Kontrolle geratenen Handlanger Febre zu tun, der auch schon D’Artagnans Eltern ermordet und nun die Königin von Frankreich entführt hat. Dabei stehen dem jungen Helden der Mentor (nicht Diener) Planchet und Blickfang Francesca (nicht Constance) zur Seite.  

In Kürze: Peter Hyams liefert eine ziemlich respektlose Verwurstung des Musketier-Themas, das vom Dumas-Roman nicht viel übrig lässt und sich stattdessen auf einige Kampfkunsteinlagen konzentriert. Allerdings ist das alles wunderhübsch gefilmt und als flotter Abenteuerfilm sehr brauchbar. Sagt der Peter Hyams-Fan.
Bewertung: 7 / 10

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