Besser spät als nie, oder wie es so schön heißt… Ich habe Iron Will gesehen, den Disney-Film. Kannte ich noch nicht. Kannte ich aber eigentlich doch – dank der Musik.

Lassen wir den Geist mal eine Kamera sein und stellen uns vor: breite Impressionen einer schneebedeckten Landschaft. Zoom auf einen Hundeschlitten mit einem Gespann von Huskys. Zoom auf den jungen Schlittenführer mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck. Dann Zoom auf die widrige Natur, eisige Temperaturen, sturmgepeitschte Bäume und dramatische Rettungsaktionen an rutschigen Abhängen. Und schließlich Zoom auf das ebenso dramatische Finale, das Hetzen zur Ziellinie und der Sieg in allerletzter Sekunde. – All diese Bilder stammen nicht aus der Erinnerung, denn ich haben sie nie gesehen. Der Grund, warum sich diese Szenen vor meinem inneren Auge abspielen, ist einzig und allein Musik. Ein Schlittenhunderennen im winterlichen Kanada des Jahres 1917. Eingefangen mit den Klängen von Joel McNeely, seines Zeichens Filmkomponist.

Iron Will Soundtrack-Alben
Eiserner Wille in alt und neu: Rechts ist das Score-Album zu Iron Will von 1994 zu sehen, rechts die deutlich expandierte Neuveröffentlichung von 2019. Statt 30 Minuten Musik gibt es dort knapp 80 Minuten, und die lohnen sich ausnahmsweise mal.

Filmkomponist? Schlittenhunde? Was schwafelt der da wieder? Ok, um das aufzulösen: Ich spreche vom Film Iron Will, ein Abenteuerfilm aus dem Hause Disney, der im Jahr 1994 in die Kinos kam. Ich habe diesen Film nie gesehen. Damals bei der Premiere trieb mich nichts ins Kino, im Heimkino hatte ich auch keinen Bedarf. Und sofern das Ding jemals im Free-TV gelaufen ist, hatte ich wohl gerade was anderes zu tun. Trotzdem kannte ich den Film – ich wusste zumindest, wie er klingt. Was ich dem Score-Album mit der Musik von Joel McNeely zu verdanken habe, die vor Jahren in meine Sammlung gewandert war. Und was für ein Score-Album! Die Musik riss mich direkt mit, rein ins Jahr 1917 und ab nach Kanada. Das war und ist die Art Musik, wegen der ich Filmmusik-Fan geworden bin: eingespielt mit großem Orchester, wirbelnde Streicher, erhabene Bläser, harmonische Melodien mit Ohrwurm-Charakter.

Nie gesehen und doch erkannt

Mit anderen Worten: Joel McNeely traf für mich – der Wortwitz sei erlaubt – genau den richtigen Ton. Und mehr noch: Eine Aufgabe von Filmmusik, das ist nicht neu, besteht darin, den Film zu illustrieren, also das, was auf der Leinwand an Aktion zu sehen ist. Iron Will hat zweifellos solch eine Musik: Die beschwingten und beinahe verspielten Main Titles geben bereits die Stimmung für den ganzen Rest vor. Es folgt ein dramatisch-dissonantes Stück für die tragische Initialzündung zur Handlung. Dann widmen sich mehrere flotte Tracks dem Aufbruch zum Schlittenhunde-Rennen und den dramatischen Erlebnissen auf der Strecke. Und am Ende läuft alles zusammen, wenn es auf die Ziellinie und schließlich auf die End Credits zugeht. Kurzgefasst: Junger Held bricht zu Abenteuer auf, wächst daran und gewinnt. Alles hübsch in Dur und Moll und ohne Film.

Filmmusik und Funktion


Achtung, jetzt wird’s laienhaft. Die Aussage, dass Filmmusik einen Film zu illustrieren hat, ist natürlich sehr unvollständig. Und da ich weiß, dass das Feld der Filmmusik-Fans zwar sehr heterogen, aber in seiner Gesamtheit doch sehr spitzfindig ist, kommt hier der Disclaimer: Filmmusik ist natürlich nicht nur zum Illustrieren da, also die Handlung, die man gerade sieht, auch auf der Tonspur zu beschreiben. Zunächst mal muss natürlich nach der Funktion von Musik im Stumm- und im Tonfilm unterschieden werden. Und dann muss man feststellen, dass sich bereits Generationen von Musik- und Filmwissenschaftlern dazu ihre Gedanken gemacht haben. Und die haben der Filmmusik jeder für sich einen bunten Strauß an Funktionen zugeschrieben, als da wären: Atmosphäre schaffen, Handlungen betonen, Emotionen abbilden, Film strukturieren, kommentieren, karikieren, verfremden, zitieren, Rezeption einheitlich zugänglich machen und so weiter und so fort. Aber das wäre ein Thema gleich für mehrere Beiträge.

Die Frage ist nur: War dieser Eindruck, den die Musik in all den Jahren bei mir hinterlassen hatte, denn auch der richtige? Kürzlich konnte ich das endlich überprüfen. Mit schlappen 26 Jahren Verspätung habe ich mir Iron Will auf dem neuen Streamingdienst Disney+ endlich mal zu Gemüte geführt. Und die große Überraschung, die keine ist: Ja, das alles hatte schon einen erstaunlichen Wiedererkennungseffekt. Die Bilder, die ich mir vorgestellt hatte, passten ziemlich genau auf die Bilder, die dann tatsächlich über den Bildschirm flimmerten. Und das vorweg: Diese Bilder sind schon toll. Iron Will bietet hübsche und atmosphärische Landschaftsaufnahmen eines… tja, eines verschneiten Kanadas, mit den Mitteln des Jahres 1994 eindrucksvoll eingefangen.

Musik, Musik… Und wie ist nun der Film?

Und wie ist nun der Film selbst? Nun, auch das mag keine Überraschung sein: Der Film ist schon ein bisschen formelhaft. Das ist wohl auch der Grund, warum die Handlung anhand der Musik so leicht nachvollziehbar ist. Unabhängig davon, ob die Story rund um einen jugendlichen Helden, der den Elementen trotzt und eine Hundeschlittenrennen gewinnt, auf wahren Begebenheiten beruht oder nicht: Es ist so ziemlich alles drin, was die Abenteuer-Schablone hergibt. Insofern – und das dürfte kein Spoiler sein – ist das Happy End auch so sicher wie das Amen in der Kirche. Der junge Held Will Stoneman verliert den Vater, die heimische Farm steht damit vor dem finanziellen Ruin, der einzige Ausweg scheint darin zu bestehen, sich mit dem Leithund des Herrn Papa namens Gus zusammenzuraufen und trotz diverser Widrigkeiten das hochdotierte Rennen zu bestehen.

Iron Will Score-CDs
Iron Will – Original (vorne) und Expandierung. Wie man an der Trackliste sieht, ist „geringfügig“ mehr Material auf der Neuveröffentlichung des Scores dazugekommen. In diesem Fall lohnt sich die Erweiterung sogar mal.
Die Geschichte hinter der Geschichte


Iron Will reklamiert für sich, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Zunächst mal: Jeff Arch, einer der Drehbuchautoren, bezeichnete Iron Will als „Star Wars auf Hundeschlitten“. Was ziemlich genau die Story-Struktur beschreibt, die eigentlich „nur“ die klassische Heldenreise abbildet. Allerdings basiert die Handlung dann doch auf ein paar realen Vorgaben. Zunächst mal fand das dargestellte Hundeschlittenrennen von Winnipeg nach St. Paul wirklich statt und wurde von der Great Northern Railway gesponsert. Die Hauptfigur des Will Stoneman birgt die Geschichte von zwei realen Teilnehmern: Da wäre ein Fred Hartman zu nennen, einer von nur zwei US-Amerikanern im Feld, der zwar als Letzter durchs Ziel ging, aber in den Zeitungen zum Helden hochstilisiert wurde, weil er als einziger Amerikaner das Rennen auch beendete. Und da wäre der Gewinner Albert Campbell, der sich jedoch als Trapper mit indianischen Wurzeln den rassistischen Anfeindungen seiner Wettbewerber ausgesetzt sah.

Heldenreise à la Disney

Das mag jetzt weder sonderlich innovativ noch sonderlich spannend klingen. Der Punkt ist nur – der Film hat durchaus Herz. Auch wenn er im Grunde nur die klassische Heldenreise à la Herr der Ringe & Co. abspult, so ist den Machern da ein überzeugender Feelgood-Film gelungen. Der Held ist genauso entschlossen wie integer und kommt recht sympathisch rüber. Die Bösen sind genauso hässlich wie intrigant und erhalten kurz vor der Ziellinie ihre gerechte Strafe. Und zwischendrin gibt es – man höre und staune – einen kleinen Subtext um die Macht der Medien, die Rolle von Vorbildern, sogar ein, zwei nette Charakterwandlungen und etwas Zeitkolorit, immerhin befinden wir uns 1917 kurz vor dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Das übrigens nur am Rande und für den Fan: Wer die Young Indiana Jones-Serie kennt, der könnte in Iron Will eine gelungene Doppelfolge erkennen, in der auch der junge Archäologe hätte die Hauptrolle spielen können.

Iron Will überrascht auch noch in einer anderen Hinsicht: Ich hatte den Film immer etwas als Standard-Disney-Kost aus den frühen 90ern im Hinterkopf – und ihn damit etwas unterschätzt. Es stimmt zwar, dass sich der Streifen nicht unbedingt durch viele Ecken und Kanten auszeichnet. Aber die Produktion ist insgesamt auf hohem Niveau unterwegs und liefert eine klasse Optik. Und die Besetzungsliste kann sich wirklich sehen lassen. Der größte Hingucker dürfte ein relativ junger Kevin Spacey als zunächst karrieregeiler Reporter sein. Hinzu kommt ein Brian Cox, der im Fiesling-Modus immer funktioniert. Und das Wiedersehen mit David Ogden Stiers, der den meisten noch als arroganter Mediziner Charles Emerson Winchester III. aus M*A*S*H bekannt sein dürfte, ist auch sehr schön geraten. Hauptdarsteller Mackenzie Astin, Halbbruder von Sean Astin, fällt dagegen als wild entschlossener Schlittenlenker erwartungsgemäß etwas blass aus.

Auf den Spuren von John Williams

Eine wesentliche Hauptrolle im Film spielt aber die Musik von Joel McNeely. Die ist – das sei hier noch einmal betont – für sich einfach großartig. Pathetisch? Klar. Kitschig? Vielleicht. Aber mal ehrlich: An solchen Dingen stören sich nur schlechte Menschen. Effektiv ist die Komposition auf alle Fälle. Und sofern man auch nur eine leichte Schwäche für Filmmusik hat, kann und darf man daran ganz unreflektiert seinen Spaß haben. Allerdings sei – quasi als Disclaimer – erwähnt, dass sich McNeelys Iron Will nicht unbedingt durch Eigenständigkeit auszeichnet. Das hat zwei Gründe: Zum einen hatte sich der Komponist seine ersten Sporen bei der bereits genannten Serie The Young Indiana Jones Chronicles verdient. Dort war der musikalische Duktus durch die Kino-Scores von John Williams gewissermaßen vorgegeben. Nicht ohne Grund erinnert Iron Will mit seinem „Main Title“ stellenweise sehr stark an das quirlige Hauptthema der Indy-Serie.

Die Musik und ihre Veröffentlichungen


Als Sammler von Musik im Allgemeinen und von Filmmusik im Besonderen muss man ja sehr dankbar sein, wenn überhaupt noch etwas auf CD oder Vinyl veröffentlicht wird. Im Jahr 1994 war das etwas anders: Zur Filmpremiere brachte das Label Varese Sarabande ein Score-Album heraus, das sich mit seinem knapp mehr als 30-minütigen Schnitt über 11 Tracks auf einige Highlights im Film konzentrierte. Im vergangenen Jahr nahm sich das Label Intrada endlich ein Herz und veröffentlichte die Musik in einer großzügig expandierten Fassung mit mehr als 70 Minuten Laufzeit. Dort ist auf 31 Tracks und klanglich überarbeitet der wesentliche Score zu finden. Ergänzt wird die Trackliste durch einige Source Music-Stücke, darunter auch Musik aus Bizets Carmen und das Traditional „Columbia, the Gem of the Ocean“. Nur am Rande erwähnt: Wem die Musik gefällt, der sollte sich auch die vier alten Varese-Alben zurYoung Indy-Serie sichern.

Homeward Bound Score-Album
Vorbild Nummer 1: Der Score von Iron Will nimmt hörbar Anleihen an den Score zum Film Homeward Bound von Bruce Broughton. Auf Deutsch heißt der Film Zurück nach Hause – Die unglaubliche Reise. Auch da geht es um Hunde und Wildnis.
Special thanks to Bruce Broughton!

Zum anderen wirkt Iron Will mit seinen romantischen Americana-Klängen – das muss man einfach zugeben – über weite Strecken wie ein Score von John Williams und ebenso von Bruce Broughton. Um mal die markantesten Stellen zu nennen: Im Track „Devil’s Slide“ taucht bei Iron Will recht deutlich John Williams‘ Nazi-Thema zur Verfolgungsjagd aus dem ersten Indiana Jones-Film auf. Und in „Race to the Finish“ findet sich Williams‘ Fanfare zu den Olympischen Spielen von 1984 wieder. In „The Race begins“ wiederum erkennt der aufmerksame Hörer das berühmte Hauptthema des 80er Jahre-Westerns Silverado von Bruce Broughton. Sowieso: Bruce Broughton stand bei Iron Will wohl insgesamt Pate mit seinem Score zum thematisch ähnlich gelagerten Zeichentrickfilm Homeward Bound. So würde sich zumindest der Special thanks-Credit für Broughton erklären, der im alten Iron Will-Soundtrack-Album zu finden ist.

Silverado Score-CD
Vorbild Nummer 2: Der Western Silverado von Lawrence Kasdan zeichnet sich durch viele Qualitäten aus. Eine davon ist der Score von Komponist Bruce Broughton. Dessen eingängiges Hauptthema stand hörbar Pate für ein Stück aus der Iron Will-Musik.

Man kann sich förmlich vorstellen, wie Regisseur Charles Haid den Rohschnitt seines Films mit einem Sammelsurium an Temp Tracks aus Homeward Bound, Silverado, Indiana Jones, Born on the 4th of July, Hook, Home Alone und Far and Away unterlegt, das alles dann McNeely überreicht und sagt: „Mach mal!“ Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, darin eine Schwäche zu sehen. McNeely hat aus all dem einen sehr versierten Score mit einem wahren Füllhorn an Themen und Motiven gestrickt, die alle nahtlos ineinander greifen und ein großes Ganzes ergeben. Und nicht zuletzt, wenn im Hauptthema wieder das markante Vier-Ton-Motiv auf der Flöte erklingt, mit dem Will Stoneman seine Hunde antreibt, bin ich gedanklich in Kanada im Jahr 1917…

John Williams CD
Vorbild Nummer 3: Filmmusik-Legende John Williams hat gleich mehrfach die Musik für die Olympischen Spiele komponiert. Im Jahr 1984 präsentierte er für die Wettkämpfe eine Fanfare, die ein wenig an seine eigene Indiana Jones-Musik erinnerte – und wohl auch Einfluss auf Iron Will gehabt hat.

In Kürze: Iron Will – Der Wille zum Sieg ist sicherlich keine innovative, wohl aber im besten Sinne solide Unterhaltung. Ein Feelgood-Film à la Disney, bei dem vieles stimmt, wenn man mit Blick auf Historie und Realismus ein Auge zudrückt. Produktion auf hohem Niveau mit toller Musik. Der Drehbuchautor nannte das Werk „Star Wars auf Hundeschlitten“. Naja, tendenziell stimmt das…
Bewertung: 8 / 10

Iron Will Score-Alben
Waldeslust… Der Film Iron Will zeichnet sich durch tolle Naturaufnahmen aus. Der jugendliche Held Will darf zusammen mit seinem Leithund Gus und seinem Gespann den Elementen und fiesen Gegnern trotzen.

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