Da passt man einmal nicht auf und schon ist es passiert: Man wird zur Witzfigur! Im Falle von Aquaman passierte dies bereits in den 60er Jahren. Eigentlich lange genug her, um in der Zwischenzeit wieder vollständig rehabilitiert zu werden. Da die Pop-Kultur aber selten vergibt, hielt sich der lange totgelaufene Gag bis heute – trotz unzähliger Versuche, den Charakter wieder cool zu machen. Nun gibt es aber einen weiteren Versuch, und dieser darf ohne Frage als gelungen angesehen werden: Aquaman von James Wan.

Comic-Geschichtsstunde

Arthur Curry alias Aquaman schwamm 1941 erstmals durch die Comicpanels des DC-Verlags. Im Hause Marvel gab es bereits zwei Jahre zuvor Namor, ebenfalls ein Sohn verbotener Liebe. Menschlicher Vater, atlantische Mutter königlichen Geschlechts. Also holte man sich auch damals bereits Inspiration bei Mitbewerbern. Bevor sich jetzt aber einige bestätigt fühlen, dass DC es eh nicht selber kann: Auch Marvel hatte in dieser Zeit sehr viele Ideen „geborgt“.

Aber zurück zu Aquaman. Anfangs nur ein Nebencharakter, wurde er Ende der 50er zu einem der Gründungsmitglieder der Justice League. Und damit war der Abstieg zur Witzfigur besiegelt. Warum? Leider ganz logisch…

Die Storyline „Der Graben“ bot eine der Inspirationen für den Film Aquaman. Die Kreaturen des Trench erfreuen sich seit dem Comic großer Beliebtheit und tauchen auch im Film auf.

1973 startete die Zeichentrickserie Super Friends. Neben Superman, Wonder Woman und Batman war auch Aquaman Teil der Reihe. Und mit Abstand das schwächste Mitglied der Truppe. Aber als wäre das nicht genug: Fast im Alleingang schaffte es ein Motiv, die Reputation des Königs von Atlantis nachhaltig zu zerstören. Er ritt nämlich auf einem großen rosa Seepferdchen! Das war in den Augen vieler Comicleser der Todesstoß für den Charakter, über den fortan eine – Achtung, Wortwitz! – Flut an Witzen hereinbrach. Da war es später völlig egal, dass Aquaman auch auf fliegenden Fischen über die Wellen flog.

Der lange Weg aus dem Witzeloch

In den folgenden Jahren hatte DC alle Hände voll zu tun, um Arthur Curry wieder salonfähig zu machen. Zahlreiche Neuinterpretationen erschienen in den Comics. Die meisten davon waren wirklich gut und unterhaltsam. Aber ohne Erfolg. Undenn selbst ein bärtiger langhaariger Muskelmann mit Harpune als Handersatz – quasi die Höchststufe der Coolness – nicht ausreicht, um die Figur zu rehabilitieren, was dann?

Erschwerend kam später noch hinzu, dass die beliebte Sitcom The Big Bang Theory,den alten Gag um das Seepferdchen wieder aufgriff und die Lächerlichkeit der Figur erneut in das Bewusstsein der Zielgruppe beförderte. „Aquaman ist scheiße“ – gesprochen mit indischem Akzent – wurde ein gängiger Begriff. Nun lachten auch die darüber, die kaum eine Ahnung hatten, welche Entwicklung Aquaman seitdem durchgemacht hatte.

Orm wird zum Ocean Master. Als reinrassiger Atlanter kann er die Oberwelt und deren Bewohner nicht leiden. Auch Superschurken können nur schwer über den Tellerrand schauen.

Im Jahr 2008 wagte DC den Schritt nach vorne: Der Verlag thematisierte bewusst auch die albernen Seiten der Figur, präsentierte sie aber mit einem gehörigen Augenzwinkern. Zudem verpasste er Aquaman die volle Packung Optimismus und Fröhlichkeit und kreierte somit eine Version von Aquaman, die bei den Zuschauer sehr gut ankam. Das alles auch noch, ohne ihn bloßzustellen und seine Coolness anzukratzen: In der Zeichentrickserie The Brave and the Bold war Aquaman ein wiederkehrender Gaststar, der Batman tatkräftig zur Seite stand.

Kurze Zeit später ging es für Aquaman auch in Comicform bergauf. Mit dem Start der New 52-Ära im Hause DC wurde Arthur Curry zum mächtigen Superheld, der es problemlos mit Superman und Wonder Woman aufnehmen konnte. Auch die Stories waren neu ausgerichtet: Die vermeintliche Witzfigur trat mit viel Selbstironie auf – und beförderte sich auf diese Weise wieder ins Buch der coolen Leute.

„Aquabro“ eilt zur Rettung

Auftritt Jason Momoa. Für viele war das Casting des Schauspielers für den Aquaman im DC Extended Universe (DCEU) ein großer Fehler. Optisch immer wieder mit dem DC-Antihelden Lobo verglichen, kam der Schauspieler für viele als Aquaman nicht in Frage. Dennoch blieben Regisseur Zack Snyder und Momoa dem Charakter treu. Seinen ersten Auftritt hatte der Film-Aquaman in einer kurzen Sequenz im unterschätzten Batman v Superman von 2016. Eigentlich war die Szene viel zu kurz, um sie ernsthaft beurteilen zu können, aber in Zeiten des Internet ist das auch gar nicht nötig: Die Fans hatten schlicht ihre Probleme mit der Darstellung. Dies änderte sich auch 2017 nicht, als Momoa in Justice League der Figur eine Biker-/Surfer-Attitüde verpasste – also einen „Aquabro“ kreierte. Für die einen cool, für die anderen peinlich. Die Fans waren – mal wieder – gespalten.

Die lang ersehnte Rehabilitation – Aquaman 2018

Daran geglaubt hatten wohl die wenigsten, aber ausgerechnet Aquaman ist nach dem gelungenen Solo-Auftritt von Wonder Woman auf dem besten Wege das angeschlagene DC-Filmuniversum zu retten. Und das mit Recht.

Gleich vorweg: Aquaman ist eine A-Produktion, aber inhaltlich ein B-Movie. Der Film strotzt vor „Cheesiness“, ohne aber allzu peinlich zu werden. Er nimmt sich selbst ernst, vergisst aber auch nicht ein gewisses Maß an Selbstironie. Die Gagdichte ist angenehm portioniert. Zwar zünden einige der Witze nicht wirklich, aber dies fällt kaum ins Gewicht. Die Beteiligten gehen in diesen epischen Albernheiten auf und verschaffen dem Film eine Weite, die man getrost mit dem Herrn der Ringe und Star Wars vergleichen kann. Audio-visuell ist der Film eine Wucht und dürfte in diesem Jahr (fast) alles hinter sich lassen. Sollten die Avatar-Fortsetzungen tatsächlich unter Wasser spielen, James Cameron muss seine Filme an Aquaman messen lassen.

Was wäre so eine epische Welt ohne die richtigen Darsteller? Und vor allem: Wie geht man als solcher seine Rolle an? Wie es sich für die Aquaman-Welt gehört: mit einer angenehmen Mischung aus Ernst und Ironie. Gerade Patrick Wilson ist sich nicht zu schade, als Bösewicht etwas Overacting zu betreiben. Er scheint genau zu wissen, wann es nötig ist, einer Szene etwas Cheese zu geben. Ganz großes Kino. Auch stimmt die Chemie zwischen den Figuren. Ist die anfängliche Beziehung zwischen Arthur und Mera noch etwas holprig, so entwickelt sie sich bis zum Ende zu einer stimmigen Romanze. Dazu tragen besonders einige kleine Szenen bei. Etwa der Handlungsstrang auf Sizillien bietet etwas, das man einfach nur als süße Geste bezeichnen kann. So einfach und so effektiv.

Black Manta ist im Film nur ein Nebenschurke mit Potenzial für mehr. Aber sein Kostümdesign ist gelungen. Nah genug am Comic, aber auch eigenständig.

Drehbuchtechnisch ging man auf Nummer sicher. Die Grundstory ist stark von der New 52-Storyline Thron von Atlantis inspiriert und greift auch Elemente anderer Comics auf. Allzu viele Feinheiten sollte man aber nicht erwarten. Auch bei den Dialogen wurde oft auf zu genaue Ausarbeitung verzichtet – aber Aquaman ist auch nicht Shakespeare, selbst wenn es um Intrigen und Bestimmungen geht. Nicht falsch verstehen: Was der Film an Anspruch vermissen lässt, macht er mit Herz wieder wett. Gerade eine Charakterkonstellation stimmen einfach.

Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht vergessen, dass sich Regisseur James Wan und Kollegen auch ergiebig bei anderen filmischen Werken bedienen. Die bereits erwähnten Herr der Ringe und Star Wars fallen einem da sofort ein. Aber auch andere bekannte Vorbilder wird man in den einzelnen Szenen erkennen. Das mag auf einige Zuschauer abgekupfert wirken, aber wir erinnern uns, dass auch George Lucas – anders als die Episoden 7 und aufwärts, die nur von sich selbst kopieren – sehr viele Inspirationen sammelte, um sie schließlich als neue Mischung unter dem Namen Krieg der Sterne in die Kinos zu bringen.

Bilder allein reichen nicht. Auch die Musik ist in einem Film wichtig. Für Aquaman verließ man sich auf Rupert Gregson-Williams, der bereits die Abenteuer für Wonder Woman musikalisch untermalte. Für das Unterwassertreiben entschied man sich dieses Mal für eine eingängige Mischung aus Orchester und Elektronik, die einige interessante Themen zu bieten hat. Während der Score also überzeugen kann, ist die Songauswahl etwas zwiespältig. Besonders der eigens für den Film produzierte Track „Ocean to Ocean“ von Pitbull sticht dabei negativ hervor. Zwar nur kurz zu hören, reißt er einen doch ziemlich aus dem Filmerlebnis. Einer der wenigen Kritikpunkte an diesem Film.

Achtung! Spoiler!

Dass ausgerechnet Jason Momoa einen Multimillionen-Dollar-Film tragen kann, hätte niemand gedacht. Aber er schafft es mit seiner unverkennlichen Art und einer natürlichen Leichtigkeit. Ein kleiner Geniestreich von Wan, der seinem Star nicht den Charakter aufzwang, sondern den Charakter dem Darsteller anpasste. Wenn am Ende Aquaman auf einem riesigen Seepferdchen in die finale Schlacht reitet, dann ist das alberne Bild der Vergangenheit endgültig abgehakt. Aquaman ist endlich da, wo er schon lange hingehört: unter den ganz Großen der Superhelden.

Arthur Curry, der Aquaman. Jason Momoa zu engagieren, erwies sich als Glücksgriff. Nicht nur der Spaß, den der Schauspieler mit der Rolle hat, sondern auch seine Erscheinung lassen Witze über die Figur verblassen.
Aquaman / Darum geht´s: Arthur Curry ist der Sohn eines Leuchtturmwärters. Und der Königin von Atlantis. Diese Tatsache lässt ihn zweifeln, in welche Welt genau er gehört. Als sein Halbbruder Orm (Patrick Wilson) endgültig genug von der Umwelt verschmutzenden und aggressiven Oberwelt hat, provoziert er einen Krieg, der seine alleinige Herrschaft über Atlantis festigen soll. Allerdings hat er die Rechnung ohne Arthur gemacht. Der lässt sich von Mera (Amber Heard) und seinem Mentor Vulko (Willem Dafoe) überzeugen, Orm das Handwerk zu legen. Eine Reise rund um die Welt beginnt.

In Kürze: Aquaman ist irgendwie besonders. Er ist zu lang, er ist zu vollgestopft, er bietet zu viel Exposition, er ist nicht besonders reich an Überraschungen und er ist stimmungstechnisch nicht immer treffsicher. Aber all diese Punkte verpuffen, wenn man den Spaß betrachtet, den dieser Film macht. Der Streifen ist eine Wucht, und man kommt aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Es mag dieses Jahr bessere Superheldenfilme gegeben haben, aber keinen besseren Comicfilm. Aquaman verwirklicht die Vorlage so grandios wie schon lange kein Film mehr vor ihm. Wer danach Aquaman immer noch als Witzfigur sieht, der will es anscheinend auch.
Bewertung: 9/10

 Live-Action-Aquaman


Jason Momoa war nicht der erste Schauspieler, der die Rolle des Unterwasserhelden innehatte. In der langlebigen Serie Smallville spielte Alan Ritchson die Rolle des Arthur Curry in vier Folgen. Ritchson blieb DC treu und ist zur Zeit als Superheld Hawk in der Serie Titans zu sehen.


Aufgrund des Erfolgs von Smallville versuchte sich Warner Bros. 2006 an einem Spin-off. Ein Pilotfilm wurde produziert mit Justin Hartley in der Titelrolle. Die Serie fiel jedoch einer Senderumstrukturierung zum Opfer. Fans mussten aber nicht lange warten, bereits im selben Jahr wurde der Pilotfilm per iTunes Download angeboten. Die Kritiken fielen positiv aus, und somit folgten weitere Auswertungen des Pilotfilms. Eine Serie kam aber nie zustande. Für Hartley war es kein Karrierebruch, er kehrte kurze Zeit später nach Smallville zurück. Nicht als Aquaman, sondern als Oliver Queen/Green Arrow.


Die Serie Entourage – welche lose auf der Karriere von Mark Wahlberg basiert – bot weitere Varianten von Aquaman. Die Hauptfigur der Serie, Vincent Chase, spielte die Figur in einem fiktiven Film unter der Regie von James Cameron. Ein Sequel zu diesem Film entstand mit Jake Gyllenhaal unter der Regie von Michael Bay. Man sieht, das Thema Aquaman zog damals schon große Namen an. Gewissermaßen.

 

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